lieben,glauben,kämpfen-leben!

Aufwachen ist die einzige Chance,die wir haben!
 
 

Das Gleichnis von den zwei Brüdern

Es lebte einst ein Ehepaar – in welcher Zeit, spielt keine Rolle -, das lange kinderlos blieb. Erst in höherem Alter wurde die Frau schwanger und gebar zwei Söhne. Sie verstarb kurz nach der schweren Geburt.

Der Vater stellte Ammen an und bemühte sich, so gut es eben ging, die Kinder zu versorgen. Doch als die Söhne vierzehn Jahre alt wurden, verlies auch er die Welt. Nach dem Begräbnis saßen die beiden Zwillingsbrüder in großer Trauer in der Wohnstube ihres Hauses. Einer von ihnen galt als der Ältere, weil er drei Minuten früher das Licht der Welt erblickt hatte als der andere. Nach längerem Schweigen sagte der Ältere: „Auf seinem Sterbebett hat Vater uns gegenüber sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass er uns die Weisheit der Ahnen nicht mehr hatte lehren können. Lieber Bruder, wie sollen wir jetzt ohne diese Weisheit leben? Unser unglückseliges Geschlecht wird verspottet werden von den anderen Familien, deren Ahnentradition noch erhalten ist.“
„Sei nicht so bekümmert, Bruder“, sprach der Jüngere. „Ich sehe dich oft in Gedanken versunken. Vielleicht stößt du ja im Laufe der Zeit auf die Weisheit unserer Ahnen. Ich bin jedenfalls bereit, alles zu tun, was du mir aufträgst, damit du genügend Zeit hast zum Nachsinnen. Ich kann auch leben, ohne mir viel Gedanken zu machen, und bin froh um jeden Tag, den ich erleben darf. Und was die Arbeit hier im Hause betrifft, die macht mir nichts aus.“

„Einverstanden“, sprach da der Ältere, „nur glaube ich nicht, dass ich die Weisheit in diesem Hause finden kann. Niemand hat sie uns hier hinterlassen, und niemand wird sie uns hierherbringen. Als der Ältere von uns habe ich beschlossen, auszuziehen und alle Weisheit der Welt zu suchen. Wenn ich sie gefunden habe, werde ich zurückkehren und diese Weisheit den Nachkommen unserer Familie und uns selbst zum Geschenk machen. Alles Wertvolle, was uns unser Vater hinterlassen hat, werde ich mitnehmen auf meine Reise. Dann werde ich die weisesten Männer in aller Welt treffen, alle Wissenschaften erlernen und wieder heimkehren.“

„Du hast einen langen Weg vor dir“, sprach der Jüngere voller Mitgefühl. „Nimm unser Ross, unseren Wagen und alles, was du für die Reise brauchst. Ich aber will zu Hause auf dich warten.“

Die Brüder trennten sich, und die Jahre vergingen. Der ältere Bruder zog von einem Weisen zum anderen und von einem Tempel zum anderen. Er erlernte die Lehren des Ostens und des Westens und bereiste auch den Norden und den Süden. Er hatte einen scharfen Verstand und ein hervorragendes Gedächtnis, und so konnte er alles, was er hörte und sah, schnell erfassen und behalten.

   Sechzig Jahre vergingen, seit der ältere Bruder das Haus verlassen hatte, und er war an Haar und Bart ergraut. Nach all den Streifzügen und Erkundungen hatte sein wissbegieriger Verstand tatsächlich Erkenntnisse erlangt, die ihm einen Ruf als großer Weiser eingebracht hatten. Seine Schüler folgten ihm in Scharen, und er teilte sein Wissen freigiebig mit allen, die es hören wollten. Alt und Jung hörten ihm mit Begeisterung zu, und sein Ruhm eilte ihm stets voraus, wohin er auch ging.

   Auf dem Höhepunkt seines Ruhms, umringt von Schülern und Anhängern, kam der ergraute Weise schließlich in das Dorf zurück, das er vor sechzig Jahren als junger Mann verlassen hatte. Die Dorfbewohner eilten ihm jubelnd entgegen, allen voran sein ebenfalls ergrauter jüngerer Bruder. Dieser verbeugte sich vor seinem Bruder und flüsterte ihm froh ins Ohr: „Mein weiser Bruder, bitte segne mich. Geh nur in unser Haus und ruh dich aus, ich werde dir nach dem langen Weg die Füße waschen.“

Der Weise gebot seinen Schülern, auf einem Hügel außerhalb des Ortes zu rasten, alle Gaben entgegenzunehmen, die ihnen angeboten wurden, und philosophische Gespräche zu führen. Dann folgte er seinem Bruder ins Haus. Der hehre, ergraute Weise setzte sich müde an den Tisch in der geräumigen Wohnstube. Während sich der Jüngere daran machte, die Füße seines Bruders mit warmen Wasser zu waschen, sprach dieser zu ihm: „Ich habe meine Schuldigkeit getan. Ich habe die Lehren der großen Weisen begriffen und meine eigenen Lehren geschaffen. Ich werde hier im Hause nicht lange weilen. Andere zu unterrichten, das ist jetzt meine Aufgabe. Aber ich habe dir einst mein Wort gegeben, Weisheit in dieses Haus zu bringen, und jetzt hin ich hergekommen, mein Versprechen einzulösen und für einen Tag dein Gast zu sein. Heute werde ich dich das Wichtigste lehren, mein Bruder. Als Erstes: Alle Menschen sollten in einem blühenden Garten leben.“

Der Jüngere trocknete seinem Bruder mit einem fein bestickten Tuch die Füße ab und bemühte sich, ihn so gut wie möglich zufrieden zu stellen. Er sprach zu ihm: „Ich habe aus unserem Garten ein paar Früchte gesammelt. Bitte greif zu.“

Der Weise kostete nachdenklich von der Vielfalt erlesener Früchte und fuhr fort: „Jeder Mensch auf Erden sollte während seines Lebens einen Ahnenbaum pflanzen. Nach seinem Tode wird der Baum auch den Kindern und Kindeskindern frische Atemluft spenden. Wir alle sollten reine Luft zum Atmen haben.“

Der jüngere Bruder eilte zum Fenster und sprach: „Verzeih mir, mein weiser Bruder, ich habe völlig vergessen, das Fenster zu öffnen, damit du frische Luft bekommst.“

Er riss die Gardinen auf, öffnete das Fenster und fuhr fort: „Bitte, atme den Duft dieser beiden Zedern ein. Ich habe sie in dem Jahr gepflanzt, als du fortgingst. Die Setzgrube für die eine habe ich mit meinem Spaten ausgehoben, die für die zweite mit deiner Kinderschaufel.“

Der Weise blickte gedankenvoll auf die Bäume, dann sprach er: „Die Liebe ist das erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind. Nicht jedem ist es gegeben, in Liebe zu leben. Und die Weisheit des Lebens ist: Jeder sollte täglich nach der Liebe streben.“

„Oh, wie weise du bist, mein Bruder!“, rief da der Jüngere aus. So groß ist deine Weisheit, dass ich ganz in Verwirrung gerate – verzeih, ich habe ganz vergessen, dir meine Frau vorzustellen.“ Damit wandte er sich zur Tür und rief: „He, meine liebe Küchenfee, wo bleibst du denn?“

„Bin schon da“, war die Antwort, und in der Tür erschien eine fröhliche Alte, die ein Tablett mit Kuchen hereintrug. „Ich war noch am backen…“

Sie stellte das Tablett auf den Tisch, machte vor den Brüdern einen koketten Knicks, und als sie nahe bei ihrem Gatten vorbeikam, flüsterte sie ihm zu – grade so laut, dass ihr Gast es noch hören konnte: „Verzeih, mein Lieber, aber mir ist etwas unwohl. Ich muss mich hinlegen.“

„Was fällt dir ein, du Tunichtgut, dich ausgerechnet jetzt auszuruhen, wo mein Bruder bei uns zu Gast ist!“

„Huch, mein Kopf – mir ist plötzlich so schwindlig.“

„Wie kann einem Energiebündel wie dir so etwas passieren?“

„Ich denke, daran bist du nicht ganz unschuldig… wir bekommen ein Kind“, prustete die Alte heraus und rannte lachend aus dem Zimmer.

„Verzeih mir, mein Bruder“, sagte der jüngere Bruder verlegen, „sie weiß die Weisheit nicht zu schätzen. Sie hat schon immer gern Scherze gemacht, und jetzt auf ihre alten Tage ist sie manchmal etwas albern.“

Der Weise wurde immer nachdenklicher. Dann holten ihn laute Kinderstimmen aus seiner eigenen Gedankenwelt, und er sprach: „Jeder Mensch sollte nach der großen Kunst streben, die Kinder zu glücklichen und rechtschaffenen Menschen zu erziehen.“

„O weiser Bruder, sehr gern wüsste ich, wie ich es anstellen kann, dass meine Kinder und Enkel glücklich werden. Wie du ja hören kannst, sind meine Enkel die reinsten Poltergeister.“

Zwei Knaben von vielleicht sechs Jahren und ein etwa vierjähriges Mädchen kamen durch die Tür hinein und stritten laut miteinander. Um den Streit zu schlichten, sprach der jüngere Bruder zu ihnen: „ Jetzt sagt mir flink, was in euch gefahren ist, ihr Rasselbande! Man versteht ja sein eigenes Wort nicht mehr!“

„Oh!“, rief der kleinere Junge aus, „seht nur, aus unserem Opa sind zwei geworden! Woher können wir jetzt wissen, welcher der unsere ist?“

„Das da ist unser Opa, siehst du das denn nicht?“ Die Kleine lief zu ihrem Großvater, drückte ihre Wange an sein Bein, tätschelte ihm den Bart und platzte heraus: „Opa, Opa, ich bin allein zu dir gerannt, um dir zu zeigen, wie ich tanzen kann, und meine Brüder sind mir hinterhergelaufen. Einer will mit dir zeichnen – er hat Tafel und Kreide mitgebracht, siehst du? Und der andere hat eine Rohrpfeife und eine Flöte mitgebracht. Er will, dass du ihm etwas vorspielst. Ich hatte aber zuerst die Idee, zu dir zu kommen. Bitte, bitte, lieber Opa, sag ihnen, dass sie nach Hause gehen sollen.“

„Von wegen, stimmt überhaupt gar nicht!“, fiel ihr der Knabe mit der Tafel ins Wort. „Ich wollte als Erster zu dir kommen, und dann ist mir mein Bruder mit der Flöte gefolgt.“

„Ihr zwei Opas, bitte entscheidet ihr, wer von uns zuerst kam“, piepste die Kleine. „Aber entscheidet, dass ich die Erste war, sonst werde ich ganz, ganz doll weinen.“

Lächelnd und zu Tränen gerührt, betrachtete der Weise seine Großneffen. Er suchte angestrengt nach einer weisen Bemerkung, dann aber schwieg er. Sein jüngerer Bruder fackelte nicht lange, sondern nahm die Flöte seines Enkels und sprach: „Kinder, es gibt keinen Grund zu streiten. Tanze nur, mein reizendes Zappelinchen, und ich werde auf der Flöte dazu spielen. Und du, mein kleiner Musikus, wirst mich mit deiner Rohrpfeife begleiten. Ja, und wen haben wir denn da noch – unseren kleinen großen Maler! Du wirst unser Tanzen und Musizieren zeichnen. Also los – auf geht’s!“

Der jüngere Großvater spielte auf der Flöte eine fröhliche, wundervolle Melodie, und seine Enkel begleiteten ihn, jeder in seiner Kunstrichtung. Der Rohrpfeifenspieler, der später einmal ein großer Musiker werden sollte, bemühte sich, den Takt nicht zu verfehlen. Die Kleine mit ihren roten Bäckchen sprang und hüpfte kreuzfidel wie eine Ballerina, während der andere Enkel die fröhliche Szene auf seiner Tafel skizzierte.

Der Weise schwieg. Ihm war eine Einsicht gekommen… Als der Trubel vorbei war, stand er auf uns sprach zu seinem Bruder: „Lieber Bruder, sicher erinnerst du dich noch an den alten Meißel und den Hammer unseres Vaters. Bitte gibt sie mir. Ich will eine wichtige Lektion in Stein hauen. Ich gehe jetzt und komme wahrscheinlich nie wieder. Halte mich bitte nicht auf und warte auch nicht auf mich.“

Der ältere Bruder ging. Zusammen mit seinen Schülern kam der ergraute Mann zu einem großen Stein an einer Wegbiegung. Es war der gleiche Stein, von dem er einst seine große Reise begonnen hatte, dem Lockruf der großen Weisheit in ferne Länder folgend. Der Weise hielt an und machte sich daran, eine Inschrift in den Stein zu hauen. Als er dann am späten Abend fertig wurde, war er von der Arbeit ganz ermattet. Seine Schüler lasen den folgenden Text:

 

Was du suchst, o Wanderer, trägst du bereits in dir. Nichts Neues wirst du auf deiner Reise finden, vielmehr verlierst du mit jedem Schritt.

(aus: Schöpfung. von Wladimir Megre (2013) S. 161-166)

 

Stichwort: #Urvertrauen.
#zerdenken #warumichmeinStudiumhinterfrage #allesistbereitsindir #DasAlteWissen.

Danke für eure Aufmerksamkeit.

Eure Nena ♥

26.3.17 20:05

Letzte Einträge: Leben Lernen, Vegetarisch, Metaphorisch ?, Fastenzeit 2017, Seminar-Event-Begleitung

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