lieben,glauben,kämpfen-leben!

Aufwachen ist die einzige Chance,die wir haben!
 
 

"Ich werde dich zeugen, mein Engel"

"Der Unternehmer Viktor Chadow wachte im Morgengrauen auf. Neben ihm auf dem breiten Bett schlief süß und selig seine junge Geliebte. Der feine Stoff der Bettdecke umschmiegte ihre zierlichen weiblichen Formen.

Jedes Mal, wenn sie zusammen auf einem Bankett oder im Hotel des eleganten Kurortes auftauchten, zog sie die neidischen, lüsternen Blicke der Männer auf sich. Außerdem verfügte Inga - so hieß die schlafende Schönheit - über ein reizendes Lächeln und erweckte den Eindruck einer weltoffenen, gebildeten Frau. Viktor hatte eine große Schwäche für Inga, und so hatte er ihr eine Vierzimmerwohnung gekauft, sie ultramodern eingerichtet und Inga einen Satz Schlüssel gegeben. Manchmal, wenn sein dicht gedrängter Terminplan es erlaubte, blieb er ein oder zwei Nächte bei ihr. Er war der fünfundzwanzigjährigen Frau für die berauschenden Nächte und den Verkehr mit ihr dankbar, hatte aber nicht die Absicht, sie zu heiraten, denn er verspürte keine besondere Liebe zu ihr. Außerdem war ihr Altersunterschied beträchtlich. Er war 38 und sie 25. Ihm war klar, dass sie sich in ein paar Jahren nach einem jüngeren Liebhaber umsehen würde. Mit ihrer Figur und ihrem Köpfchen würde sie dabei leichtes Spiel haben. Wenn er sie jedoch heiratete, so dachte er, würde er sie in die Kreise einflussreicher Geschäftsleute einführen und ihr sogar noch dabei helfen, irgend so einen jungen Schnösel abzuschleppen.

Inga drehte sich im Schlaf lächelnd zu ihm um, wobei die Bettdecke leicht verrutschte und den Blick auf ihren verführerischen, formvollendeten Busen freigab. Doch heute empfand Viktor beim Anblick ihres halbnackten Körpers keine Erregung. Vorsichtig deckte er die Schlafende zu, stand leise auf und ging in die Küche.
Er machte sich einen Kaffee, zündete sich eine Zigarette an und ging in der geräumigen Essküche auf und ab. Was ihm keine Ruhe lies, war sein ungewöhnlicher Traum der vergangenen Nacht. Nicht sein Verstand, nein, ausgerechnet seine Gefühle hatte dieser Traum aufgepeitscht. Viktor hatte geträumt, dass er eine schattige Allee entlangging und fieberhaft über die Zweckmäßigkeit seines nächsten Geschäftsvorhabens nachdachte. Vor und hinter ihm gingen seine Leibwächter, durch deren Anwesenheit er sich in seiner Konzentration gestört fühlte. Außerdem lenkte ihn der stetige Lärm der Autos ab, die hinter der Einzäunung des Parks vorbeifuhren. Auf einmal waren seine Leibwächter verschwunden und auch der Verkehrslärm verstummte. Er hörte den Gesang der Vögel und sah das Frühlingslaub der Bäume und die Blüten der Büsche. Er hielt inne und erfreute sich an den sanften Gefühlen, die in ihm aufkamen. Er fühlte sich so wohl wie noch nie in seinem Leben. Da sah er auf einmal, wie ihm von weitem ein kleiner Junge auf der Allee entgegenlief. Die Sonne schien von hinten auf ihn und bildete um seinen Kopf eine Aureole, sodass Viktor den Eindruck hatte, ihm liefe ein kleiner Engel entgegen.

Im nächsten Moment kam es ihm: Wer ihm da so stürmisch entgegenlief, das war sein kleiner Sohn! In Vorfreude auf die Begegnung hockte Viktor sich mit offenen Armen hin, und auch sein Sohn öffnete im Lauf die Arme. Plötzlich blieb der Kleine stehen, drei Meter vor Viktor. Das Lächeln auf seinen Lippen erstarb, und der ernste Blick der Kinderaufgen ließ Viktors Herz stärker schlagen.
'Komm her, mein Sohn, komm zu mir und lass dich umarmen!'
Der Kleine antwortete mit traurigem Lächeln: 'Das wirst du nicht können, Papa.'
'Wieso nicht?', wunderte sich Viktor.
'Du kannst mich nicht umarmen, Papa', erwiderte der Kleine schwermütig, 'weil es nicht möglich ist, einen ungeborenen Sohn zu umarmen. Du hast mich doch noch gar nicht gezeugt.'
'Dann umarme du mich, mein Sohn. Komm!'
'Es ist nicht möglich, seinen künftigen Vater zu umarmen.'
Der kleine Bub versuchte zu lächeln, doch über seine roten Bäckchen kullerten Tränen. Dann drehte er sich um und ging mit gesenktem Kopf die Allee hinab.

Viktor kniete auf dem Weg, unfähig, sich vom Fleck zu rühren. Der Kleine ging weg, und mit ihm schwand auch das schöne, wohlige Gefühl. Von ferne hörte er allmählich wieder das Rauschen der Autos nahen. Viktor konnte sich weder bewegen noch etwas sagen, doch mit letzter Kraft schrie er auf: 'Geh nicht fort! Wohin gehst du, mein Sohn?'
Der Kleine drehte sich um und sprach: 'Ich gehe nirgendwohin, Papa. Ins unendliche Nirgendwo.' Er schlug seine Augen nieder, schwieg eine Weile und ergänzte dann: 'Tut mir Leid, Papa, wenn ich nicht geboren werde, kann ich dir nicht helfen, wiedergeboren zu werden.'
Gesenkten Hauptes entfernte sich der kleine Engel und war alsbald verschwunden, als hätte er sich in den Strahlen der Sonne aufgelöst.

Der Traum war vorüber, geblieben war nur die Erinnerung an das schöne Gefühl, die ihn dazu aufrief, etwas zu unternehmen.
Viktor hatte seine dritte Zigarette aufgeraucht, drückte sie fest entschlossen im Aschenbecher aus und ging ins Schlafzimmer. Auf halbem Wege sagte er laut: 'Wach auf, Inga, wach auf!'
'Ich schlafe doch gar nicht. Ich liege nur so da und genieße das süße Nichtstun. Ich hatte mich schon gefragt, wo du auf einmal abgeblieben bist', antwortete die auf dem Bett liegende Schönheit.
'Inga, ich möchte einen Sohn. Würdest du mir einen Sohn schenken?'
Inga warf die Bettdecke beiseite, sprang aus dem Bett, lief auf Viktor zu und warf sich ihm um den Hals. Dann schmiegte sie ihren formvollendeten Körper an ihren Liebhaber und sprach in heißem Flüsterton zu ihm: 'Die schönste Liebeserklärung ist die, wenn ein Mann eine Frau bittet, ihm ein Kind zu schenken. Dankeschön.. wenn es ernst gemeint war.'
'Und ob!', bekräftigte er.
Inga zog ihren Schlafrock an und antwortete: 'Wenn es wirklich kein Scherz ist, dann halte ich deinen Entschluss für etwas unüberlegt. Denn ich möchte, dass mein Kind einen Vater hat. Du bist aber bereits verheiratet, mein Liebling.'
'Dann lasse ich mich eben scheiden', sagte Viktor. Eigentlich war Viktor bereits seit 3 Monaten geschieden, aber er hatte Inga aus verschiedenen Gründen nichts davon erzählt.
'Gut, dann tu das. Aber eines möchte ich dir sofort sagen, Viktor. Selbst wenn du dich scheiden lässt, ist es jetzt noch zu früh, über Kinder zu sprechen. Erstens brauche ich noch ein Jahr, um mein Promotionsstudium zu beenden. Und zweitens habe ich vom Studium dermaßen die Nase voll, dass ich danach erstmal ein Jahr lang meine Ruhe brauche. Ein paar Urlaubsreisen wären nicht schlecht, mal etwas Abwechslung… Und was Kinder betrifft… Kinder können solchen Plänen ein für alle Mal ein Ende bereiten', sagte Inga halb im Scherz.

'Also gut, es war doch nur ein Scherz', unterbrach Viktor ihre Rede. 'Jetzt muss ich aber los, ich muss zu einer wichtigen Verabredung. Hab schon meinen Fahrer bestellt. Bis dann..'
Er ging fort, aber nicht zu einer Verabredung und seinen Fahrer hatte er auch nicht bestellt. Viktor schritt langsam durch die geschäftigen Straßen und sah sich die Frauen an, die ihm entgegeneilten. Er war aber keineswegs auf ein schnelles Abenteuer aus, nein, er hielt Ausschau nach einer Frau, die ihm würdig erschien, ihm einen Sohn zu gebären.

Modisch gekleidete, stark geschminkte Frauen, die früher seine Aufmerksamkeit erregt hatten, schieden sofort aus. Auch halbnackte Mädchen, Mädchen in Minirock und Mädchen in eng anliegenden Kleidern lehnte er ab.

'Es ist klar, was sie mit solcher Kleidung bezwecken.  Und obendrein versuchen sie auch noch, gescheid dreinzuschauen', sagte er zu sich selbst. 'Mit ihren Formen ködern sie die Männer, in der Hoffnung, dass vielleicht einer anbeißt. Natürlich beißt auch jemand an, aber nicht, um Kinder zu bekommen. Und auch die Frauen selber fischen ja bloß nach einem sexuellen Partner. Nur zu, wackelt nur fleißig mit eurem Hintern, ihr Zierpuppen! Ich werde jedenfalls nicht zulassen, dass mein Sohn von so einem Flittchen geboren wird.'

Zwei Mädchen, die ihm entgegenkamen, rauchten, und eine von ihnen hielt eine offene Bierflasche in der Hand.
'Die hier kommen überhaupt nicht in Frage. Nur Narren würden sich von solchen Frauen ein Kind wünschen.'
Viktor fiel außerdem auf, dass unter all den Frauen und Mädchen, die ihm auf der Straße begegneten, nur wenige völlig gesund aussahen. Einige gingen gebückt, andere zogen ein Gesicht, als ob sie Magenkolik hätten, und wieder andere litten sichtlich unter Fett- oder Magersucht.

'Nein, mit solchen Frauen sollte man kein Kind zeugen', dachte Viktor bei sich. 'Also wirklich! Offenbar träumen alle davon, dass eines Tages ein Prinz im weißen Mercedes vorfährt und sie abholt. Tja, der arme Prinz.. Mit Sicherheit können sie keine gesunden Kinder zur Welt bringen, denn sie sind ja selber nicht gesund.'
Anstatt seinen Chauffeur anzurufen, fuhr Viktor heute mit dem Obus zum Büro. Ständig hielt er Ausschau nach einer würdigen Mutter für seinen Sohn, aber vergebens. Den ganzen Tag über, selbst in der Mittagspause, dachte er unermüdlich darüber nach, wie er eine geeignete Frau finden könnte.

Manchmal hatte er das Gefühl, er würde eine Frau suchen, die ihn selbst gebären sollte. Letzten Endes kam er zu dem Schluss, dass es unmöglich sei, die richtige Mutter für seinen Sohn zu finden; vielmehr müsse er sie selbst erschaffen. Dafür müsse er zunächst eine mehr oder weniger gesunde junge Frau mit attraktivem oder zumindest nicht abstoßendem Äußerem und gutem Charakter finden. Dann müsse er dafür sorgen, dass sie an verschiedenen Ausbildungs- und Trainingskursen teilnimmt und dass ihre Gesundheit in den besten Sanatorien wiederhergestellt wird. Am wichtigsten aber sei, dass sie eine Ausbildung an einer erstklassigen Bildungseinrichtung erhält, wo sie auf die Schwangerschaft vorbereitet wird sowie auf das Tragen des Kindes, die Geburt und die Vorschulerziehung.

[...]

Zwei Wochen lang grübelte er in jeder freien Minute über sein Problem nach: Er wollte unbedingt ein Kind haben. Zwei Wochen lang ging er zu Fuß in die Stadt, kehrte in vornehmen Restaurants, Bars oder Theaterhäusern ein und studierte dabei genau die Gesichter der Frauen. Er fuhr sogar in ein Dorf, aber auch dort konnte er keine passende Partnerin für sich finden.

[...]

In diesen zwei Wochen traf sich Viktor nicht mit seiner Geliebten, ja er rief sie nicht einmal an. Er war zu dem Schluss gekommen: Wenn sie mir kein Kind schenken will, sondern nur ihren eigenen Spaß und elegante Kurorte im Sinn hat, dann brauche ich sie nicht.
Natürlich war es sehr schön gewesen, mit einer so attraktiven und intelligenten jungen Frau die Zeit zu verbringen, aber jetzt hatten sich seine Pläne drastisch verändert. ‚Die Wohnung werde ich ihr überlassen, denn schließlich hat sie mir eine Zeit lang mein Leben versüßt‘, beschloss Viktor und machte sich auf den Weg zur Universität, wo Inga studierte. Er wollte ihr seinen Satz Schlüssel übergeben. Unterwegs rief er sie mit seinem Handy an:

‚Hallo, Inga.‘
‚Hallo‘, antwortete ihm die vertraute Stimme, ‚wo bist du?‘
‚Ich bin auf dem Weg zur Uni. Hast du bald Schluss?‘
‚Seit zehn Tagen gehe ich schon nicht mehr zur Uni, und ich glaube, in nächster Zukunft wird das so bleiben.‘
‚Ist was passiert?‘
‚Ja.‘
‚Wo bist du?‘
‚Zu Hause.‘

Als Viktor mit seinem Schlüssel die Tür öffnete und die Wohnung betrat, sah er Inga im Schlafrock auf dem Bett liegen und ein Buch lesen. Sie sah Viktor an.

‚In der Küche gibt es Kaffee und belegte Brote‘, sagte sie, ohne aufzusehen, und vertiefte sich erneut in ihre Lektüre.
Viktor ging in die Küche, nippte an seinem Kaffee, steckte sich eine Zigarette an, legte seine Schlüssel auf den Tisch, ging zur Schlafzimmertür und teilte der noch immer lesenden Inga mit: ‚Ich verreise für längere Zeit, vielleicht sogar für immer. Die Wohnung überlasse ich dir. Leb wohl. Fühle dich frei und sei glücklich.‘
Damit begab er sich zum Ausgang. Inga sprang auf und holte ihn noch vor der Tür ein.

‚Warte mal, Bürschchen, so einfach geht das nicht‘, sagte sie ohne Zorn und hielt Viktor am Ärmel fest. ‚Du willst dich also aus dem Staube machen. Erst versaust du mein ganzes Leben, und dann tschüß!‘

‚Soso, dein Leben hab ich versaut … wie denn das?‘, fragte Viktor verwundert. ‚Mir hat es jedenfalls mit dir gefallen, und du hattest doch auch kein schlechtes Leben. Jetzt hast du deine eigene Wohnung und einen Schrank voller Klamotten. Genieß das Leben, wie du es immer wolltest. Oder willst du obendrein noch Geld?‘
‚Ein Halunke bist du, ein ganz schamloser! Wie kannst du nur so herzlos sein! Ich pfeife auf deine blöde Wohnung …‘
‚Jetzt reicht’s aber. Hör bitte auf zu streiten, ich habe Wichtigeres zu tun. Leb wohl.‘

Viktor griff nach der Türklinke, doch Inga hielt ihn erneut auf, indem sie ihn an der Hand packte.
‚Nichts da, mein Lieber, hier geblieben! Jetzt antworte mir: Hast du mich gebeten, dir ein Kind zu zeugen oder nicht?‘
‚Das habe ich, aber du hast dich ja geweigert.‘
‚Zuerst ja. Aber dann dachte ich zwei Tage lang darüber nach und habe meine Meinung geändert. Ich hab mein Studium geschmissen und mit dem Rauchen aufgehört Täglich treibe ich Grühsport; ich habe mir Bücher besorgt über das Leben und über Kinder … inzwischen kann ich sie gar nicht mehr aus der Hand legen. Ich versuche mich so gut wie möglich auf die Schwangerschaft vorzubereiten, und jetzt kommst du und sagst ade. Ich kann mir als Vater meines Kindes keinen anderen vorstellen als dich …‘

Als Viktor begriff, was er soeben gehört hatte, umarmte er Inga fest, und er brachte nicht mehr hervor als ein geflüstertes ‚Inga, Inga …‘. Dann hob er sie auf seine Arme und trug sie ins Schlafzimmer. Wie eine große Kostbarkeit legte er sie vorsichtig aufs Bett und begann, sich hastig auszuziehen. Mit größerer Leidenschaft als je zuvor umarmte er Inga, begann ihre Brüste und Schultern zu küssen und versuchte ihr den Schlafrock auszuziehen. Doch Inga leistete plötzlich stillen Widerstand und begann ihn von sich zu stoßen.

‚Bitte lass das jetzt, das hat Zeit. Um es kurz zu machen: Heute wird es zwischen uns keinen Sex geben. Morgen auch nicht und auch in einem Monat nicht‘, teilte Inga ihm mit.
‚Wieso nicht? Hast du nicht gesagt, du bist einverstanden, mit mir ein Kind zu zeugen?‘
‚Das habe ich.‘
‚Und wie soll das ohne Sex gehen, bitte schön?‘
‚Es muss eine ganz andere Art von Sex sein, nicht was du darunter verstehst.‘
‚Wie meinst du das?‘
‚Wie ich es gesagt habe. Verrate mir doch mal, mein lieber künftiger Vater, warum du dir ein Kind wünschst?‘
‚Na, drei Mal darfst du raten.‘ Viktor saß verwirrt auf dem Bett. ‚Was soll diese Fragerei? So was weiß doch jeder.‘
‚Gut, wenn es dir so klar ist. Aber lass uns dennoch präzisieren, was bei dir eher zutrifft: Willst du, dass dein Kind als Nebenprodukt unserer Lust geboren wird oder als Frucht unserer Liebe?‘
‚Das Kind dürfte sich wohl kaum wohl dabei fühlen, ein Nebenprodukt zu sein.‘
‚Also wählst du die zweite Variante: Du wünschst dir ein Kind als Frucht der Liebe. Aber du bist ja gar nicht in mich verliebt. Gut, ich gefalle dir, aber das ist ja noch lange keine Liebe.‘
‚Ja, Inga, du gefällst mir sogar sehr.‘
‚Na siehst du, ich mag dich auch, aber Liebe kann man das noch nicht nennen. Wir müssen uns diese Liebe erst gegenseitig verdienen.‘
‚Wo hast du denn solche Ideen aufgeschnappt? Hast wohl irgendein seltsames Buch gelesen, nicht wahr? Liebe ist ein Gefühl, das von selber entsteht. Niemand weiß genau, wie und woher sie kommt. Und genauso geht sie auch wieder aus unerfindlichen Gründen. Verdienen kann man sich Respekt, aber Liebe …‘
‚Nein, grade die Liebe müssen wir uns verdienen, und unser Sohn wird uns dabei helfen.‘
‚Unser Sohn – spürst du, dass es ein Sohn sein wird?‘
‚Warum sein wird? Er existiert bereits.‘
‚Was soll das heißen?‘, fragte Viktor und sprang auf. ‚Hast du etwa schon einen Sohn? Warum hast du mir nichts davon gesagt? Von wem ist er? Und wie alt ist er?‘
‚Von dir ist er. Aber ein Alter hat er noch nicht.
‚Dann gibt es ihn also doch noch nicht?‘
‚Doch.‘
‚Hör mal, Inga, da komm ich nicht mehr mit. Was du sagst, gibt für mich keinen Sinn. Kannst du dich nicht deutlicher ausdrücken?‘
‚Ich werd’s probieren. Du, Viktor, hast dir ein Kind gewünscht und hast angefangen, an es zu denken. Später wollte auch ich es und begann ebenfalls, an es zu denken. Wie man heutzutage weiß, hast der menschliche Gedanke stofflichen Charakter. Mit anderen Worten: Wenn wir uns beide ein Kind vorstellen, existiert es bereits.
‚Und wo ist es jetzt?‘
‚Ich weiß nicht. Vielleicht in einer anderen Dimension, die uns verschlossen ist. Vielleicht läuft es jetzt barfuß durch die Milchstraße und ist auf die blaue Erde aufmerksam geworden, auf der es sich materiell verkörpern wird. Vielleicht wählt es sich jetzt den Ort aus, an dem es zur Welt kommen wird, und unter welchen Umständen, und möchte uns das irgendwie mitteilen. Hörst du es nicht, spürst du nicht sein Bitten?‘
Viktor starrte Inga mit großen Augen an, so als sähe er sie zum ersten Mal. Nie zuvor hatte sie so gesprochen. Er war sich nicht im Klaren, ob sie das alles ernst meinte oder nicht. Aber der Satz ‚Vielleicht wählt es sich jetzt den Ort aus, wo er zur Welt kommen wird‘ machte ihn nachdenklich.

Kinder werden an den verschiedensten Orten geboren: im Flugzeug, auf dem Schiff oder im Auto; viele werden in Entbindungsheimen geboren und einige zu Hause in der Badewanne. Sie werden an der Stelle und zu der Zeit geboren, wenn es soweit ist, aber was würden sich wohl die Kinder wünschen? Wo zum Beispiel würde er selbst, Viktor, am liebsten zur Welt kommen, wenn er die Wahl hätte? In Russland oder im besten Entbindungsheim Englands oder Amerikas? Irgendwie konnte er sich für keine dieser Möglichkeiten begeistern.
Inga unterbrach Viktors Gedanken: ‚Ich habe einen klaren Plan, wie wir eine Begegnung mit unserem Sohn gemeinsam vorbereiten können.‘
‚Was für einen Plan?‘
‚Hör mir gut zu, Liebling‘, sprach Inga so entschlossen wie nie zuvor. Eine Zeit lang saß sie im Sessel, dann wieder ging sie im Zimmer auf und ab. ‚Zunächst sollten wir einmal unsere physische Verfassung auf Vordermann bringen. Ab sofort werden wir aufhören zu rauchen und zu trinken. Dann werden wir unseren Organismus reinigen, vor allem Leber und Nieren, und zwar mit Hilfe von Kräutersuden und Fastenkuren. Ich habe mich bereits für eine bestimmte Methode entschieden.

Von nun an werden wir nur noch Quellwasser trinken. Das ist sehr wichtig. Ich bekomme bereits jeden Tag fünf Liter Quellwasser ins Haus geliefert. Das ist zwar doppelt so teuer wie normales Mineralwasser, aber davon werden wir schon nicht arm werden.‘
Auch müssen wir jeden Tag körperliche Übungen machen, damit unsere Muskeln gestärkt werden und unser Blut intensiver durch die Adern gepumpt wird. Außerdem sind frische Luft und positive Emotionen wichtig – etwas, was schon schwerer zu verwirklichen ist.

Viktor gefielen Ingas Entschlossenheit und ihr Plan, und ohne sie ausreden zu lassen, sagte er: ‚Wir werden die besten Trainingsgeräte kaufen und die besten Masseure bestellen. Ich werde einen meiner Fahrer jeden Tag Quellwasser holen lassen. Er soll auch jeden Tag in den Wald fahren und dort mit einem Kompressor frische Luft in Ballons abfüllen, die wir dann später in der Wohnung ausströmen lassen. Ich weiß nur noch nicht, woher wir die positiven Emotionen nehmen sollen. Vielleicht sollten wir ja eine Hochzeitsreise machen und vornehme Kurorte besuchen.‘

Viktors Stimmung stieg von Minute zu Minute. Teils lag das an Ingas verantwortungsbewusster und gut durchdachter Herangehensweise an die Geburt des Kindes, teils an ihrem Wunsch, ihm ein Kind zu schenken. Es freute ihn ungemein, dass sein künftiger Sohn, dem er im Traum begegnet war, nicht von irgendeiner engstirnigen, auf ihren eigenen Vorteil bedachten Frau geboren werden sollte, sondern von Inga, der es mit der Mutterschaft so ernst war. Wie sehr wünschte er sich, Inga, die er schon als Mutter seines künftigen Sohnes sah, eine besondere Freude zu machen! Viktor stand auf, zog seinen Anzug an und sprach in feierlichem Ton zu Inga: ‚Inga, willst du meine Frau werden?‘
‚Natürlich will ich das‘, sagte Inga im gleichen Ton wie Viktor und knöpfte ihren Bademantel zu. Unser Sohn soll ganz legale Eltern haben. Nur die Hochzeitsreise zu den Kurorten können wir uns sparen, denn die passt nicht zu meinem Plan zur Vorbereitung auf die Geburt.‘

‚Was passt denn dann in deinen Plan? Woher sonst sollen wir die positiven Emotionen nehmen?‘

‚Wir sollten uns die benachbarten Dörfer anschauen und einen Ort finden, der uns zuspricht. Er sollte uns beiden gefallen, denn dann wird er auch unserem Sohn gefallen, wenn er ihn sieht. Dort werden wir einen Hektar Land kaufen, und du wirst ein kleines Haus bauen, wo auch die Empfängnis unseres Kindes stattfinden soll. Ich werde die gesamten neun Monate dort verbringen, mit höchstens kurzen Unterbrechungen. Auf unserem Land werden wir einen Garten anlegen. Ich werde unser Kind nicht in einem Entbindungsheim, sondern in dem kleinen Häuschen auf unserem Familienlandsitz zur Welt bringen.‘

Viktor konnte nicht glauben, dass Inga, die junge, attraktive Frau, die noch vor kurzem so sehr darauf versessen gewesen war, elitäre Clubs und elegante Kurorte zu besuchen, so plötzlich ihren Lebensstil hatte umkrempeln können. Einerseits schmeichelten ihm Ingas Pläne, da sie dabei ja an das Wohl seines Kindes dachte, doch andererseits fragt er sich, ob darin nicht ein paar verrückte Elemente enthalten waren. Ein Bekannter hatte ihm von einem Buch erzählt, in dem außergewöhnliche Praktiken bei der Vorbereitung auf die Mutterschaft beschrieben werden. Der Bekannte hatte auch über die Bedeutung eines Hektars Eigenlandes für die Familie gesprochen und ihm ein Buch mit grünem Einband geschenkt, das den Titel Das Buch der Ahnen trug. Er war nicht dazu gekommen, das Buch zu lesen, hatte aber gehört, dass diese Bücher heftige Reaktionen ausgelöst hatten. Die Leser begannen, ihre Lebensweise zu verändern.

Plötzlich fiel Viktors Blich auf den Nachttisch, auf dem ein Stoß Bücher mit grünem Einband lag. Er kam näher und las einige der Titel: Die klingenden Zedern Russlands hieß ein Band, ein anderer war jenes Buch der Ahnen. Nun war Viktor klar, woher Inga ihre ungewöhnlichen Idenn zur Vorbereitung auf die Geburt und die Geburt selbst hatte. Sie hatte sie aus diesem Buch entnommen und war jetzt fest entschlossen, ihnen stets zu folgen. Er war sich nicht sicher, ob das nun gut war oder schlecht.

Ingas resolute Überzeugung hatte ihn stutzig gemacht. Es war, als hätte jemand Unsichtbares ihre Weltanschauung umgepolt. Aber hatte das Inga nun zum Guten verändert oder nicht? Immer wieder stellte er sich diese Frage, und schließlich stellte er sie zur Rede.

‚Ich weiß, Inga, dass du deine Ideen aus diesen Büchern bezogen hast. Ich habe von ihnen gehört. Einige sind von ihnen hingerissen, andere sagen „Vieles darin klingt märchenhaft und lässt sich nicht beweisen.“ Vielleicht wäre es ratsam, nicht alles blind zu glauben, was darin geschrieben steht. Überleg doch mal selbst: Warum sollen wir uns irgendein Stück Land suchen, darauf ein kleines Haus bauen und uns mit harter Landarbeit zu Tode schuften? Mit meinem Einkommen kann ich mir ein großes Einfamilienhaus leisten mit schönem Grundstück, Swimmingpool, Rasen, Wegen und Garten, wenn du möchtest.‘

‚Natürlich kann man sich mit Geld vieles kaufen, auch das Klischee einer Liebe. Ich will aber, dass wir unseren Garten selbst anlegen‘, entgegnete Inga. ‚Ganz allein. Denn wenn mein Sohn groß ist, will ich ihm sagen können: „Diesen Apfelbaum, mein Sohn, diesen Birnbaum und diesen Kirschbaum habe ich selber gepflanzt, als du noch ganz klein warst. Das habe ich für dich getan. Du warst ganz klein und die Bäumchen auch. Jetzt seid ihr alle groß, du und die Bäume, und sie beginnen, dir Früchte darzubringen. Ich habe mich bemüht, die ganze Umgebung um deine kleine Heimat für dich angenehm zu gestalten.“‘
Diese leidenschaftliche Entgegnung Ingas war überzeugend, und sie gefiel Viktor. Er begann zu bedauern, dass niemand ihn in seinem eigenen Leben zu einem solchen Garten gebracht und gesagt hatte: ‚Diesen Garten haben deine Eltern für dich angelegt.‘ Ja, natürlich hatte Inga Recht, kein Zweifel. ‚Doch warum hatte sie nur über sich selbst gesprochen, als ob er gar nicht existierte?‘, dachte Viktor und fragte gekränkt: ‚Warum wirst du deinem heranwachsenden Sohn nur über dich erzählen, Inga?‘
‚Du willst ja keinen Garten anlegen‘, antwortete Inga gelassen.
‚Was soll das heißen: „Du willst nicht“? Na klar will ich, wenn es für die Zukunft nötig ist.‘
‚Dann werden wir alles gemeinsam tun, und ich werde meinem Sohn sagen: „Diesen Garten hier habe ich für dich zusammen mit deinem Vater angelegt.“
‚So ist es recht‘, beruhigte sich Viktor.“

(aus: Anastasia Band 8. Neue Zivilisation, S.99-111)

21.4.17 17:33

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