lieben,glauben,kämpfen-leben!

Aufwachen ist die einzige Chance,die wir haben!
 
 

Zwei Gebete

"Sag mal, Anastasia, betest du auch zu Gott?"
"Ja, das tue ich."
"Dann trage mir doch einmal eines deiner Gebete vor."
"So geht das nicht, Wladimir. Meine Gebete sind Gott vorbehalten."
"Dann bete eben zu Gott, aber so, dass ich es hören kann."
Anastasia stand auf, streckte ihre Arme seitlich in die Höhe, drehte mir den Rücken zu und begann zu sprechen. An den Worten war eigentlich nichts Besonderes, doch innerlich berührten sie mich sehr. Sie sprach nicht auf eine Weise, wie wir normalerweise beten. Es klang eher so, als würde sie sich an einen engen Freund oder einen nahen Verwandten wenden. Ein ganzes Spektrum von Emotionen, wie sie bei einem lebendigen Gespräch entstehen, war in ihrem Gebet vertreten: Leidenschaft, Freude, helle Begeisterung. Es war so, als richte sie ihre Worte an jemanden, der nahe bei ihr stand.

O mein Vater, der du allgegenwärtig bist!
Ich danke dir für das Licht des Lebens.
Ich danke dir für die Gegenwart deines Reiches
Und für deinen liebenden Willen.
Das Gute geschehe!

Ich danke dir für die tägliche Nahrung,
Für deine Geduld und Nachsicht mit dem Bösen dieser Welt.
O mein Vater, der du allgegenwärtig bist!
Als deine Tochter will ich widerstehen
Der Versuchung und der Sünde,
Will deiner Werke würdig werden.

O mein Vater, der du allgegenwärtig bist!
Als deine Tochter will ich dir zur Freude leben
Und stets deinen Ruhm mehren.
Möge die Zukunft ganz deinem Traum gehören!
So soll es sein, so will ich es, ich, deine Tochter,
O mein Vater, der du allgegenwärtig bist!

Anastasia verstummte. Sie schien sich jetzt mit der Natur zu unterhalten und war von einer schimmernden Aura umgeben. Während sie ihr Gebet gesprochen hatte, vermeinte ich die Gegenwart einer unsichtbaren Wesenheit zu spüren, und dieses Gefühl verschaffte mir eine ungemeine innerliche Ruhe. Anastasia entfernte sich jetzt von mir, und damit entwich auch jenes wohlige Gefühl.
Ich rief ihr hinterher: "Anastasia, du hast dein Gebet so vorgetragen, als ob jemand neben dir stünde und dir antwortete."
Anastasia drehte sich um und schaute mich glücklich an. Sie spreizte ihre Arme, drehte sich lächelnd im Kreise und sprach dann ernst zu mir: "Wladimir, Gott der Vater beantwortet jedes unserer Gebete, und dabei spricht er sogar sein eigenes Gebet."
"Und warum versteht ihn dann keiner?"
"Unter den Erdvölkern gibt es so viele verschiedene Sprachen und Mundarten, und doch gibt es eine Sprache für alle: Sie besteht aus dem Rascheln des Laubes, dem Gesang der Vögel und dem Rauschen der Wogen. Gottes Sprache hat sogar Farben und Düfte. In dieser Sprache gibt Gott Antwort auf jedes Gebet, und zwar mit einer Bitte seinerseits."
"Könntest du wohl seine Worte in unsere Sprache übersetzen?"
"Ja, aber nicht genau."
"Warum nicht genau?"
"Unsere Sprache ist ungleich ärmer im Ausdruck als die Sprache Gottes."
"Dann mach es eben, so gut du kannst."
Anastasia schaute mich an, dann streckte sie mir plötzlich die Arme entgegen und sprach mit tiefem Brustton:

Mein lieber Sohn!
Wie lange warte ich nun schon? Warte und warte -
Minute um Minute. Jahr um Jahr. Jahrhunderte!

Alles gab ich dir. Die Erde ist dein.
Du bist in allem frei, gehst deinen eigenen Weg.
Nur um eines bitte ich dich, mein lieber Sohn: Sei glücklich.

Du siehst mich nicht.
Du hörst mich nicht.
Dein Geist ist beherrscht von Zweifeln und Traurigkeit.

Wohin führt dich dein Weg? Was ist deines Strebens Ziel?
Du verneigst dich vor jemandem. Sieh, ich reiche dir meine Hand!
Mein lieber Sohn, bitte sei glücklich!

Dein Weg führt dich nach niergendwo.
Du hast alle Freiheiten, doch deine Welt fliegt in Stücke
Und mit ihr auch dein Schicksal.
Ich allein trotze der Zerstörung.

Mit dem letzten Grashalm will ich die Welt erneuern,
In altem Glanz wird wieder sie erblühen, und auch du kehrest zurück.
Um eines bitte ich dich: Sei glücklich!

Schwermut und Bitterkeit zeichnen die Züge der Heiligen,
Sie drohn mit der Hölle dir, mit dem Gericht.
Mahnen dich in meinem Namen,

Doch ich sehne mich nur nach der Zeit, da wir wieder vereint sind.
Ich glaube an dich - du wirst zurückkehren.
Ich weiß, dass du kommst.

Ich bin kein Stiefvater, nein.
Dein Vater bin ich, und du bist mein lieber Sohn.
Gemeinsam werden wir glücklich sein.

 

(aus: "Anastasia - Schöpfung" von Wladimir Megre)

1.11.15 11:52

Letzte Einträge: Metaphorisch ?, Fastenzeit 2017, Seminar-Event-Begleitung, "Wann werden Sie leben? Wann?, Lebenszeichen

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Maccabros (1.11.15 14:59)
Wunderschön...

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen