lieben,glauben,kämpfen-leben!

Aufwachen ist die einzige Chance,die wir haben!
 
 

Das Märchen vom Walde ♥

Hier ist eines meiner Lieblingsgeschichten, die ich gern mit euch teilen möchte. Es sind ein paar Rechtschreibfehler drin, ich weiß, aber ich hatte noch keine Ruhe, die alle zu berichtigen.
Trotzdem wünsche ich euch viel Freude beim lesen.

 

Als der Gute Gott mit der Erde fertig war und hoch über allem auf einer großen, weißen Wolke saß, verteilte Er noch unter seine Lieblingsengel all die Schätze, die der Welt eigen sein sollten. Die echten, wahren Schätze. Um ein Stückchen davon in jedes Menschenherz hinein zu tun, damit die Menschen reich und glücklich würden. Einem gab er die Güte. Der zweite bekam die Liebe. Der dritte den Frieden. Wie du siehst: es waren echte, ganz echte und große Schätze, die der gute Gott seinen Lieblingsengeln übergab. Und sie flogen rasch damit herunter, um diese kostbaren Dinge zu verteilen.

Aber die Menschen hatten ihre Herzen verschlossen mit riesigen Schlössern. Hass, Neid, Unvernunft und Böswilligkeit saßen schwer auf ihren Herzen, und umsonst gingen die Engel vom einen zum ändern: die Herzen Öffneten sich nicht, und sie konnten Gottes Geschenke, nicht austeilen.

Der Gute Gott sah das und wurde traurig. Er wusste schon, man wird Plage mit den Menschen haben. Elend und Not stürmen über sie her. Hass wird herrschen in ihren Häusern, und die Erde wird laut sein von Klage und Jammer.

Und wie Er da betrübt und traurig stand, kam plötzlich der vierte Engel zu Ihm und sagte:

"Schau, Lieber Gott, du hast Güte, Liebe und Frieden verschenkt, aber meine Engelsgefährten können nichts damit anfangen; solange das Herz der Menschen verschlossen ist. Gib mir die Wälder, die da unten sind, und ich werde die Menschenherzen öffnen!"

"Versuche es", antwortete der Gute Gott und lächelte. Und das war so, wie wenn der Sonnenschein über die Wolken strahlt. "Versuche es. Dir sollen die Wälder gehören."

Der Engel bedankte sich - weil er ein gut erzogener Engel war - und flog sofort zu den Wäldern hinunter. Er stieg auf eine Lichtung hinab und sah sich um. Finster und regungslos standen die Bäume, ohne jedes Zeichen des Lebens.

"Ist jemand da?" fragte der Engel.

Aber es antwortete niemand.

"Ist jemand da?" wiederholte er etwas lauter. Und darauf trat der Geist der Stille hervor, der bis jetzt hinter einer moosbedeckten Buche gestanden hatte.

"Bloß ich", murmelte er mit tiefer, heiserer Stimme und schüttelte aus seinem struppigem Flechtenbart einige kleine Schnecken heraus. Er hatte einen schweren, grauen Nebelumhang an, und seine Stimme war so tief und heiser, weil er verschnupft war.

"Sonst niemand?" fragte der Engel verwundert.

"Doch, doch. Die Wichtel und die Elfen und sogar die alte Waldhexe. Die stecken noch alle irgendwo."

"Aber warum kommen sie nicht hervor? Und warum antwortet niemand?" Der Alte seufzte.

"Ach, keiner hat was zu tun und sie fühlen sich daher alle bedrückt. Verdrießlich ist die ganze Bande und unerträglich."

Der Engel schüttelte seinen Kopf und klatschte in die Hände:.

"Wichtel! Kommt heraus!"

Aber nichts bewegte sich. Er rief noch ein Zweitesmal. vergebens. Da sagte der Geist der Stille:

"Lass es. Meine Tochter, das Echo, wird schon dafür sorgen."

Er gab nur einen Wink, und da sprang schon hinter seinem Rücken ein flinkes, kleines Mägdelein hervor im hellblauen Kleide, mit lachenden mutwilligen Augen: das Echo. Es sprang auf die Felsen hinauf und seine klare Stimme flog hell und hüpfend über die weiten Wälder:

"Wichtel! Hei, wo seid ihr? Wichtel kommt heraus, Gottes Engel ist da!"

Und wahrhaftig, die Wichtel fingen an, schläfrig und faul aus ihren Höhlen herauszukriechen. Ihre Bärte waren voll Schimmel. Sie sahen verschlafen um sich und gähnten.

"Wo wart ihr denn?" fragte der Engel.

"Wir schliefen", antworteten sie verdutzt, "wir haben nichts zu tun, darum schlafen wir."

"So? Ihr habt nichts zu tun? Na, wartet nur. Ich gebe euch was zu schaffen. Wartet nur ein wenig."

Und er klatschte wieder in seine Hände:

"Elflein, kommt hervor!"

Sie kamen aber nicht. Da winkte der Engel zu den Felsen hin, und das Echo fing an sofort zu rufen:

"Elfleinl Hei, Elflein! Gottes Engel sucht euch!"

Darauf kamen sie schon. Aber wie! Mürrisch und verweint und zitternd von der feuchten Kühle der Wälder.

"Was habt ihr denn?" lachte der Engel, als sie vor ihm so kläglich erschienen.

"Wir haben keine Wohnung", beklagten sich die Armen, "in die Felsen, in die hohlen Bäume sind schon die Wichtel eingezogen. Für uns blieb kein freier Platz mehr. Wir sind müde und haben kein Bett. Frieren und haben kein Dach über uns!"

Und sie fingen an zu weinen und weinten, weinten bitterlich.

"Na, weint doch nicht", sagte der Engel, "ich sorge schon für euch. Ich will aber erst alle gesehen haben. Wo bleibt die Hexe?"

Er winkte wieder, und das Echo schrie gleich so laut, wie es nur konnte :

"Hexe, Hexe! Wo bist du, Hexe?"

Und sie kam. Vor ihr ging der Nebelmann, und hinter ihr schlichen Schlangen auf dem feuchten Moose. Hinkend und knurrend kam Sie, wie alle Hexen, wenn sie gestört werden.

Sie war schlecht gelaunt. Auf ihrem runzligen alten Gesicht, auf ihrer langen krummen Nase lagen Bosheit und Verdruss. Ihr einziger, großer, gelber Zahn ragte spitz und böswillig aus ihrem Munde hervor, als sie fragte:

"Was wollt ihr denn? Warum stört ihr mich, bei meiner Arbeit? Eben pflanze ich giftige Wurzeln! Eben mache ich giftige Beeren! Eben mische ich das Gift für die Zähne der Schlangen! Was wollt ihr denn von mir?"

Der Engel betrachtete mit Neugierde das hässliche, bucklige, uralte Ding und lachte.

"Ich seh' schon, du hast allerlei zu tun. Aber hör mal her. Im Walde befehle ich, verstanden? Und es ist wirklich schade, dass du keine vernünftigere Beschäftigung findest, als giftige Wurzeln zu pflanzen und in die Früchte Gift zu mischen. Mach es aber meinetwegen, wenn es für dich so passt. Aber auf eines verpflichte ich dich: jede giftige Wurzel und jede vergiftete Beere den Elfen zu zeigen. Und ihr, Elflein, passt auf, dass niemand vom Wäldvolke davon isst. Habt ihr verstanden, alle?"

Die Hexe knurrte etwas und kroch hinkend und mürrisch,' vom Nebelmanne begleitet, in die tiefsten Tiefen des Waldes zurück. Und die Elflein versprachen wachsam zu sein.

Und sie sind es heute noch. Seitdem pflanzt die alte böse Waldhexe immer wieder hier und da ihre vergifteten Wurzeln und hängt an Büschen und Bäumen vergiftete Beeren auf. Aber keiner vom Waldvolke traut sich, sie zu essen, weil die Elfen streng ihre Pflicht erfüllen und .sofort denjenigen warnen, der sich einer solchen Frucht nähert. Und wenn du einmal allein in den Wald gehst und findest unbekannte Früchte, frage erst die Elfen, bevor du sie in den Mund steckst. Sie werden dir schon sagen, ob sie zu essen sind. Wenn sie schweigen, dann sollst du wissen, dass diese Früchte von der hinkenden bösen Waldhexe stammen. Die Elfen können dich weder anreden noch schreien, wenn du dich so einem gefährlichen Ding näherst. Sie weinen nur in den Kelchen der Blumen oder versteckt hinter den Bäumen. Sie weinen, weil sie alle Kinder lieb haben und wissen, dass du von diesen Früchten fürchterliche Bauchschmerzen bekommst. Also lausche recht gut, damit du sie hören kannst, und nasche nie von unbekannten Früchten.

So war es also mit der Waldhexe. Sie hinkte zurück in die tiefsten Tiefen der Wälder, und der Engel blieb auf der Lichtung, mit den Elfen, mit den Wichtein, mit dem alten Geist der Stille und mit seinem blonden, blauäugigen, lustigen kleinen Töchterlein, das sich Echo nannte. Und nun fing er an den Wald zu verschönern.

Er schüttelte aus seinen Kleiderfalten das Waldlüftchen heraus und schickte es aus, die Bäume das Sprechen zu lehren. Dann nahm er aus seiner Tasche die Blumen hervor und streute sie über die Wiese, alle Blumen, die du jetzt am Waldesrande und auf der Wiese und auf den, kleinen, sonnigen Lichtungen finden kannst.

"So", wandte er sich an die Elfen, als alle Blumen auf ihrem richtigen Platze waren, "da könnt ihr einziehen!"

Wurden da aber die Elfen lustig! Sie sprangen von Blume zu. Blume, und eine jede fand ihren Schlupfwinkel. Die eine zog in die Glockenblume ein, die andere in den Margaretenkelch. Eine dritte verschwand in den dunkelblauen Trichter des Enzians. Die vierte sprang in die rote Flammenblume, die fünfte in die Anemone, die sechste legte sich auf die Kelchblätter der lila Zeitlose. Jedes Elflein bekam eine Blume.

"Und jetzt", sagte der Engel, als er damit fertig war, "jetzt lehrt ihr die Vögel singen. Das soll eure Beschäftigung sein."

Die Elfen zerstreuten sich froh und vergnügt in alle Richtungen des Waldes, um die Vögel aufzusuchen. Und bald fing es überall an zu pfeifen, zu flöten, zu zwitschern und zu singen, überall im Laube.

"So", sagte der Engel und war recht zufrieden. "So! Und ihr, faules Wichtelvolk, geht und lehrt mir die Tiere arbeiten. Ein jedes in seinem Beruf. Gefällt euch das?"

"Es gefällt uns sehr!" lachten die Wichtel und hüpften schnell davon, um die Tiere aufzusuchen und ihnen alles beizubringen, was ein wohlerzogenes Waldtier in seinem Berufe wissen muss.

Der Engel ging langsam die Felsen hinauf, wo das kleine blonde Echo saß und mit den Beinen über dem Abhang baumelte. Da blieb er stehen und sah zu den Wäldern hinab. Und er sah, dass alles schön im Gange war. Das Waldlüftchen huschte von Baum zu Baum, und die Bäume lernten flüsternd die Sprache des Waldes. Die Vögel übten ihre neuen Lieder, und die Tiere versuchten fleißig zu lernen, was für ihren Beruf notwendig war. Und alle Elfen und alle Wichtel beschäftigten sich so gut, wie sie nur konnten.

Die Hexe war auch irgendwo im Dickicht oder zwischen den finsteren Felsblöcken, zusammen mit dem Nebelmann. Sie pflanzte wahrscheinlich ihre Wurzeln und mischte die verschiedenen Gifte. Man konnte sie von oben nicht sehen, aber sie war ganz gewiss auch da. Und der alte Geist der Stille, der war auch da, etwas weiter abseits, wo die moosbedeckten Felsen im Tannendickicht verschwinden. Sein grauer Umhang hing über die Schlucht, und aus einem langen Flechtenbarte krochen die kleinen Schnecken heraus.

Der Engel sah sich um, und wie er dort stand, fühlte er plötzlich, dass immer noch etwas fehlte. Auf einmal bemerkte er eine kleine, bleiche, stille Fee. Sie stand bewegungslos an eine Birke gelehnt und schaute träumerisch vor sich hin. Sie hatte große, dunkelblaue Augen und ein hellgrünes Seidenkleid an.

"Wer bist denn du?" fragte der Engel verwundert.

"Niemand bin ich", antwortete traurig die kleine schlanke Fee, "ich habe noch keinen Namen."

Der alte Geist der Stille seufzte.

"Lass sie", murmelte er, "sie ist meine älteste Tochter. Sie ist zu nichts zu gebrauchen. Überlass ich ihr die Schnecken: so laufen sie auseinander. Überlass ich ihr das Moos: vertrocknet es. Sie möchte immer nur erzählen, und das langweilt mich fürchterlich. Ich hab's gern, wenn ein jeder schweigt. Aber mit meinen beiden Töchtern, ach, da hab' ich schon allerlei Ärger."

"So?" sah sich der Engel neugierig die merkwürdige kleine Fee an, "und worüber kannst du denn so viel erzählen?"

"Über alles!" sagte sie mit glänzenden Augen, "über alles l Über Bäume und Wolken, über Vögel und Tiere, über die Sonne, wenn sie untergeht, und über den Mond, wenn er sich über den Gipfeln der Bäume erhebt und Silberpulver siebt..."

"Warte, warte", lächelte der Engel, "warte ein wenig."

Damit bückte er sich und berührte einen Stein. Und im selben Augenblick, als er mit seiner Hand den harten grauen Stein betastete, sprudelte glitzernd eine silberne Quelle hervor.

"Da hast du was für dich: ich gebe dir die Quelle und den Bach. Damit kannst du plätschern und plaudern und alles erzählen, was dir. nur einfällt. Niemand wird dich dabei stören können. Gefällt dir das?"

Da sprang die kleine grüne Fee ins Wasser hinein. Sie lachte und klatschte in die Hände und hüpfte ausgelassen die Felsen hinab, zwischen den Verwunderten Bäumen hindurch, über stille Wiesen und träumende Lichtungen, schwätzend, singend, huschend, und flüsterte geheimnisvolle Wundergeschichten durch die Wälder. Sie erzählte den Felsen von den Bäumen. Den Bäumen von den Felsen. Und von Blumen und Vögeln und von den Wolken. Erzählte und erzählte Tag und Nacht, immer, immer, unermüdlich. Schwätzte und huschte, lachte und hüpfte, trieb Unsinn und flüsterte wunderschöne Märchen. Und der Wald wurde auf einmal so fröhlich und so heiter wie noch nie. Die Bäume lächelten, die Blumen fingen an zu tanzen, und die Steine glänzten warm in der Sonne, und die Tiere gingen alle zum Bach herunter, um zuzuhören.

Und seitdem erzählt sie noch immer. Wenn du einmal im Walde gehst und eine Quelle findest, setze dich auf einen Baumstamm nieder oder auf einen Stein. Sei ganz still. Dann wirst du sie hören, Und wenn du gute Ohren hast und die Sprache der Wälder kennst, dann kannst du auch die Geschichte verstehen, die sie den Bäumen erzählt.

So geschah es also damals. Der Wald lachte. Die Bäume lachten und die Blumen und die Wiesen. Und es lachten die Wichtel und lachten die Elfen alle. Das Echo auf den Felsblöcken oben und die Quelle unten im Tale. Nur der alte Geist der Stille schüttelte zornig seinen langen Flechtenbart, so dass die kleinen Schnecken weit herausfielen, zog seinen Umhang zusammen und wanderte tief in den Wald hinein. Unter moosbedeckte Bäume und noch dichter mit Moos bedeckte Felsen.

"So, jetzt ist alles in Ordnung", sagte der Engel, weil es ihm gefiel, dass der Wald seine Stimme bekam, "so, jetzt ist schon alles in Ordnung."

Und der Wald fing an zu leben. Ebenso, wie er es jetzt auch tut. Das Waldlüftchen ging von Baum zu Baum, und die Bäume sprachen flüsternd miteinander. So wie auch heute noch, ebenso. In muffigen Felsenhöhlen, auf moosbedeckten alten Baumstämmen, im dunklen feuchten Schatten des Dickichts huschten die Wichtel umher und lehrten ehe Tiere alles, was gut und nützlich ist. So wie sie es auch heute noch machen, ebenso. Auf den lächelnden Sonnenflecken der Lichtungen blühten Hunderte von Blumen, und in jeder Blume wohnte ein Elflein und sorgte dafür, dass die Vögel alle ihre Melodien kennen, und dass niemand von den giftigen £ Früchten isst, die von der alten, buckligen, hinkenden Waldhexe stammen. So wie sie es heute auch noch tun, ebenso. Die Vogel sangen, das Waldlüftchen flüsterte, die Quelle plätscherte, und das Echo saß im blauen Kleide ganz oben auf dem höchsten Gipfel des Felsens und baumelte mit den Beinen. So wie heute, ja ebenso.

Und der Engel war zufrieden, weil der Wald wirklich schön war, ebenso schön wie jetzt - du kannst ihn dir ansehen.

Und er ging und suchte seine drei Gefährten auf. Den Engel, der Güte, den Engel der Liebe, den Engel des Friedens. Und er nahm sie mit sich in den Wald, auf die schönste Lichtung, die seit dieser Zeit den Namen Engelslichtung trägt. Und sie warteten auf die Menschen.

Bald kam der erste.

Er streifte durch den Wald. Aber umsonst war alles so schön: umsonst blühten die Blumen, umsonst sangen die Vögel, umsonst plätscherte die Quelle und flüsterten die Bäume. Er sah nichts und hörte nichts davon. Er nahm sein Beil, fällte eine junge Buche und trug sie nach Hause. Und sein Herz blieb verschlossen. Es öffnete sich nicht einmal für eine Sekunde. Umsonst standen die Engel da mit Gottes wahren Schätzen. Umsonst.

Er war ein Mensch von der Sorte, die alles verderben. Ein Allesverderber.

Die Engel wurden immer trauriger, als sie sahen, dass alles Schöne umsonst war: das Herz des Allesverderbers öffnete sich doch nicht. Und sie beweinten ihn, als er fort ging. Das war der erste Tau. Der Abendtau. Dann kam der zweite Mensch. Er kam mit gesenktem Haupte und sammelte trockene Äste. Gefallene trockene Äste. Und er sah nur die trockenen, toten Äste in dem lebendigen, grünen, wunderschönen Walde. Sein Herz öffnete sich auch nicht, und die Engel konnten ihre Schätze nicht hineintun. Er kam und ging. Er war ein Mensch von der Sorte, die viele Sachen haben wollen. Ein Sachsammler.

Die Engel beweinten ihn noch trauriger als den ersten. Und das war der zweite Tau im Walde. Der Morgentau.

Traurig standen die Engel auf der Lichtung und weinten. Weinten über die Menschen, die taub und blind geworden waren für das Schöne und deren Herzen verschlossen sind. Es weinten auch die Bäume, und es weinte die Quelle und das Lüftchen am Waldesrande. Und die Elfen weinten auch und die Blumen. Alle Blumen.

Und da kam der dritte Mensch. Er kam, blieb stehen und lauschte. Plötzlich hörte er den Wald. Er hörte die Stille. Und den Bach. Er sah die Blumen und die Bäume. Und sagte leise: "Wie schön!..." Und in diesem Augenblick, ja noch im selben Augenblick fiel ein großes verrostetes Schloss von seinem Herzen herunter.

Die Sonne ging gerade auf. Ihre lachenden Strahlen tummelten sich auf goldenen Fohlen weit über den Wäldern. Der Tau trocknete im Nu. Der Nebel verschwand. Glänzend lächelte der blaue Himmel. Ein Pirol flatterte auf den höchsten Baumgipfel, und seiner Kehle entsprang ein lustiger, heller Pfiff.

Alle Vögel jubilierten auf einmal los. Die Blumen lachten, und es lachte die Quelle mit silbernem Klang. Die Elfen sprangen aus den Blumenkelchen und tanzten fröhliche Elfentänze. Ein Waldlüftchen kitzelte die Blätter der Bäume und das Echo sang auf dem Felsen frühlingsduftende Vogellieder.

"Wie schön!" wiederholte der Mensch. Und die Engel traten zu ihm und legten ihre Schätze in sein offenes Herz.

Im Himmel, ganz hoch, ganz oben, auf einem weißen Wolkenschiff saß der Gute Gott selber schmauchte Lämmerwolken aus seiner großen, blauen Pfeife und lächelte hinunter. So war es, mein Kind, und so blieb es für immer.

Es gibt drei Menschensorten auf dieser Erde. Nur drei und nicht mehr: die Allesverderber, die Sachsammler und die Menschen mit dem offenen Herzen. Du wirst ein Mensch mit einem offenen Herzen werden, nicht wahr? Wenn du im Walde gehst, tritt leise auf und gib acht. Eine Amsel flattert vor deinen Füßen auf - und schon weißt du, dass der Wald dich bemerkt hat. Dann hörst du auch schon das .Waldlüftchen - das aus den Kleiderfalten des Engels stammt -, wie es von Baum zu Baum huscht. Und wie die Bäume ihm leise zuflüstern. Wenn du recht gut aufpasst, kannst du auch die Wichtel hören: sie kriechen und rascheln im Dickicht herum. Sie haben viel zu tun, das weißt du schon.

Und dann findest du auch noch die Blumen. Aus ihren Kelchen beobachten dich neugierige Elfenaugen. Sie wissen noch nicht, was für ein Mensch du bist, und sie fürchten sich vor dem Bösen. Vor dem Allesverderber. Aber du wirst ein Mensch mit einem offenen Herzen sein, und die Elfen merken es bald. Sie setzen sich auf die Kelchblätter hinaus und lächeln dich an. Wenn du ganz still bist, dann hörst du auch die Quelle, wie sie ihre seltsamen Märchen erzählt.

Der alte Geist der Stille lauert aus dem dunklen Schatten der Bäume hervor oder aus einer muffigen Felsenschlucht. Die Hexe kannst du auch nicht sehen. Sie verkriecht sich im Dickicht. Nur die giftigen Beeren, die du hier und da findest, verraten es dir, dass sie auch in der Nähe ist.

Packt dich die Lust zu lachen oder zu singen? Auf dem hohen Felsen im glitzernden Sonnenscheine sitzt ein blondes Mädchen im hellblauen Kleide und lacht und singt dir entgegen. Du kennst sie schon. Die jüngste Tochter der Stille. Echo ist ihr Name.

Geh nur weiter, tief in den Wald hinein. Wenn du unter den Bäumen noch kleine, blitzende Tröpfchen findest, die auf der Spitze des Grashalmes sitzen, dann ist das der Tau. Und denke daran, dass es Tränen sind. Engelstränen. Ja, die Engel haben heute noch viel zu Deinen. Es gibt noch immer viele Menschen, deren Herzen verschlossen sind vor Gottes Schätzen. Vor Güte, Liebe und Frieden.

Aber sie lachen, wenn du dich der Engelslichtung näherst. Es lachen die Bäume auch und die Quelle. Die Blumen ziehen ihre schönsten Kleider an und bewerten dich mit den unsichtbaren, weichen Daunenbällen der süßen Sommerdüfte, und alles wird so schön, so leicht und so erfüllt von Freude wie noch nie. So wie es nur im Märchen ist, oder im Traum oder im Walde.

Du merkst gar nicht, wann und wo das geschieht. Du streifst nur durch den Wald und denkst an nichts besonderes. Du fühlst nur, dass es schön ist. Du fühlst nichts anderes, nur dass es schön ist. Die Blumen, wie sie blühen. Die Bäume, wie sie still miteinander flüstern. Die Quelle und die Vögel und alles.

Und wie du so ziellos herumstreifst, von Lichtung zu Lichtung, triffst du irgendwo auch auf die Engelslichtung.

Du weißt es gar nicht. Nur ein Gefühl packt dich plötzlich, ein Gefühl, dass es schöner ist als je zuvor. Da zu stehen und den Wald in deinen Augen, den Wald in deinen Ohren und seine bunten warmen Düfte in deiner Nase zu haben. Und in dem Augenblick, da dieses Gefühl über dich hinströmt wie eine warme, duftige Welle von schönen und reinen Düften, in dem Augenblicke öffnet sich dein Herz, und die Engel, die unsichtbar neben dir stehen, legen ihre göttlichen Schätze in dein Herz hinein. Die größten und wertvollsten Schätze, die es für Menschen gibt. Die einzigen Schätze: Liebe, Güte und Frieden.

Du spürst nichts davon. Du spürst nur, dass die Vögel wunderschön singen, und die Blumen wunderschön blühen, und die Quelle wunderschön plätschert und dass alles, alles wunderschön ist. Du siehst nur eine wunderschöne Waldlichtung mit Bäumen, mit Blumen, mit Gras und mit Moos. Und du siehst den blauen Himmel hoch und herrlich über dir glänzen, und am Himmel die große, weiße Wolke, auf der Gute Gott sitzt und gütig herunterlächelt.

Wenn du aber heimkehrst zu den Menschen, zu den Allesverderbern, zu den Sachsammlern, und wenn du ihnen, obwohl sie oft hart und böswillig zu dir sind, immer nur Liebe entgegenbringst, und wenn auch in schweren Stunden dein Herz voll Frieden und Vernunft bleibt: dann merkt man, dass du auf der Engelslichtung gewesen bist, mein Kind.

4.11.15 19:42

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Maccabros (5.11.15 18:03)
eine schöne Geschichte - Danke dafür...

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