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"Beziehungskiller - wie Smartphones die Welt verändern"

Eine Facharbeit von mir, Verfasst am 19.12.2013

0 Vorwort

 

„In der digitalen Welt kann ich sein, wer immer ich will. Dort bin ich je nach Geschmack witzig, tiefsinnig, philosophisch, exzentrisch. Ich kann eine Version von mir erschaffen, die nur aus meinen besten Seiten besteht. Mehr noch, ich kann diese besten Seiten hemmungslos übertreiben. Ich kann immer die richtigen Entscheidungen treffen. Jeder Fehler lässt sich mit einem Tastenklick ausradieren.
Aber in der richtigen Welt kann absolut alles passieren. Als würde man sich auf Glatteis begeben… Man muss ständig auf der Hut sein, oder man rutscht aus und fällt. Alle Bewegungen werden ungelenk und unsicher, weil man plötzlich merkt, dass man hinter der ganzen Hightech und dem digitalen Panzer immer noch aus Fleisch und Blut ist.“[1]

Eine Freundin sagte vor einiger Zeit, es könne keiner von ihr erwarten, dass sie auf eine SMS sofort reagiere. „Ich habe keine Lust, immer und überall verfügbar zu sein.“  Damals hatte sie nur ein einfaches Handy. Jetzt, circa ein Jahr später, erklärte sie mir in einem Gespräch, sie habe 10 Minuten auf WhatsApp gestarrt und niemand hat ihr geantwortet. Das hat sie ziemlich verärgert. Ich habe sie auf ihre Aussage vor einem Jahr hingewiesen. Sie antwortete, damals hatte sie ja auch noch kein Smartphone und das wäre etwas völlig anderes gewesen.

Sie ist sehr stolz, endlich auch dazuzugehören. Oft erzählt sie nun von Gesprächen auf WhatsApp, und dass ich dort fehlen würde. Es scheint, als hätte sie nun viel tiefere Beziehungen zu anderen Personen, weil sie nun deutlich öfter mit ihnen im Gespräch ist. Sie ist nicht mehr allein, wenn sie zu Hause ist. Sie ist nur einen Fingerwisch von den anderen entfernt. So scheint es zumindest.

Doch genau dieses scheinbare Erlebnis will ich in folgender Arbeit aus kritischer Sichtweise betrachten. In „Beziehungskiller – wie Smartphones die Welt verändern“ möchte ich den Leser zum Nachdenken anregen, um neue Denkanstöße zu geben, wie unsere Welt in ein paar Jahren aussehen könnte beziehungsweise wie sie teilweise heute schon ist. Vor allem geht es um die Frage, ob wir dieses Phänomen als Teil einer globalen Welt auch tatsächlich in dieser Form so haben wollen. Dabei habe ich 15 Probanden in Experiment und kurzer Befragung nach ihrem Empfinden gegenüber Smartphones untersucht und aus verschiedenen Perspektiven die Nutzung und Anwesenheit von Smartphones betrachtet, um die Vielschichtigkeit dieses Phänomens deutlicher darzustellen.


 

1 theoretisches Vorwissen

 

1.1 Definition Handy:

„Handy ist die Bezeichnung für ein handliches, tragbares, batteriebetriebenes Funktelefon. Es bildet die Mobilstation eines Mobilfunksystems und besteht aus einer Sende- und Empfangseinheit mit Patchantenne, der Handy-Tastatur, den Einheiten für die Sprachein- und Sprachausgabe, dem Display, den Anschlusseinrichtungen für externe Geräte und dem Batterieteil.“[2]

1.2 Definition Smartphone:

Smartphones sind mit hoher Intelligenz ausgestattete mobile Telefone mit größerem Display, die eine Symbiose aus Handy, Media-Player, MP3-Player, Personal Information Manager (PIM), Digitalkamera, Smartphone-Browser, E-Mail-System, GPS-System und anderen Funktionseinheiten bilden. Smartphones bieten einen direkten Zugang zum mobilen Internet, sie unterstützen Audio und Video, haben Such-, Mail- und Organizer-Funktionen und können als persönliche Informationssysteme mit Adressverwaltung, Kalenderfunktionen und einfacher Textverarbeitung fungieren. Zudem sind sie mit WLANs und Bluetooth ausgestattet und können darüber mit Servern, anderen Computern und Handys kommunizieren. Neben den Standardfunktionen gibt es mit hunderttausenden an Apps kleine Zusatzprogramme für daheim und unterwegs.“[3]

1.3 Definition Apps:

„Apps sind Applikationen für Smartphones und Multimedia-Handys. Es sind kleine Zusatzprogramme für alle Lebenslagen, die von Tüftlern, Programmierern und Unternehmen entwickelt und über die Shops der Smartphone-Firmen angeboten werden. Das umfangreichste Angebot für gibt es für Apple´s iPhone.“[4]

1.4 Nomophobie

„Nomophobie heißt die Angst vor dem Gefühl, nicht erreichbar und von der Welt abgeschnitten zu sein. Es ist eine Abkürzung für "No Mobile Phone Phobia", auf Deutsch "Kein-Handy-Angst". Erstmals beobachtet wurde das Phänomen im Jahr 2008 vom britischen Forschungsinstitut OnePoll, das im Auftrag des Sicherheitsdienstleisters SecurEnvoy 1000 Smartphone-Besitzer nach ihren Nutzungsgewohnheiten und Ängsten befragte. In diesem Jahr wurde die Befragung wiederholt. Das Ergebnis: 66 Prozent aller Nutzer fühlen sich unwohl, wenn sie ihr Handy nicht griffbereit, vergessen oder gar verloren haben. Vier Jahre zuvor lag der Wert mit 53 Prozent noch deutlich darunter. […]

Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen das Handy nicht beiseitelegen können. Einige klammern sich an die Vorstellung, jederzeit und überall Hilfe rufen und so sicherer leben zu können. Andere plagt die Angst, sie könnten etwas Wichtiges verpassen oder in einem Notfall nicht schnell genug reagieren, sobald das Handy ausgeschaltet ist.“[5]

2 Auswertung des Experiments

2.1 Wahl und Unterteilung der Probanden

Für meine Arbeit habe ich ein Experiment durchgeführt und danach von den Probanden einen Fragebogen ausfüllen lassen (Muster siehe Anhang). Dabei wurden die Probanden aufgefordert, ihr Smartphone eine Woche lang auszuschalten. Alternativ wurde ein einfaches Handy angeboten, was zur nötigen Kommunikation genutzt werden durfte. Nicht zulässig waren hier die Nutzung von Medien oder die Aktivierung einer Flatrate, um sich tatsächlich auf das Fehlen der Anwendungen eines Smartphones zu konzentrieren. Dieses Experiment bewies sich allerdings als recht schwierig, weil es aufgrund mangelnder Möglichkeiten auf freiwilliger Basis durchgeführt werden musste. Viele Personen, auf die ich mit der Frage der Beteiligung zuging, verneinten deutlich. „Ich gebe doch niemals freiwillig so lange mein Handy her. Ohne mein Smartphone könnt ich gar nicht mehr!“, bekam ich oft so oder in ähnlicher Form als Antwort. Bereits an dieser Stelle ist mir das unbewusste Suchtverhalten der Smartphonebesitzer, auf welches ich im Folgenden noch eingehen werde, aufgefallen. Insgesamt beteiligten sich 10 Personen an diesem Experiment und vernachlässigten ihr Smartphone für eine Woche vollständig.

Des Weiteren habe ich Freiwillige gesucht, welche mir kurze Berichte geben können, wie sich das Leben ohne Smartphone in der heutigen Welt gestaltet. So konnte ein Vergleich zwischen dem Leben mit und ohne Smartphone hergestellt werden. Hier gab es jedoch das Problem, dass nur noch sehr wenige Menschen ohne Smartphone zu finden sind. Insgesamt wurden hier aus diesem Grund nur 5 Berichte verfasst. Damit ist auch hier keine repräsentative Aussage möglich. Trotz alledem wurden Berichte und Fragebögen mit in die Betrachtungen gezogen, um diesen Blickwinkel nicht zu vernachlässigen. Ich möchte an dieser Stelle jedoch ausdrücklich anmerken, dass eine Schlussfolgerung der Berichte  nur im Kreis der Befragten tatsächlich zutreffen muss.

2.2 Smartphones als Suchtgegenstand

Im Experiment wurde die Frage gestellt, was einem in den sieben Tagen ohne Smartphone am meisten gefehlt hat. Erstaunlicherweise waren an erster Stelle die Medien wie Musikplaylists, Videos oder Fotographie. Hierbei ist allerdings das durchschnittliche Alter der Probanden von 20,7 Jahren zu beachten, für die Musik oft einen höheren Stellenwert einnimmt als viele andere Anwendungen.  Aber auch die Kommunikation durch soziale Netzwerke wie WhatsApp, Facebook, Twitter oder Instagram wurden sehr stark vermisst und von vielen sogar doppelt genannt. Andererseits gab es auch Beteiligte die sehr froh über die entstandene Ruhe waren und erfreut festgestellt haben, dass sie nun ihr Smartphone nicht ein- bis zweimal am Tag aufladen müssen. In Gesprächen habe ich von Leuten gehört, die unabhängig vom Experiment erklärt haben, dass sie abends ihr Handy ausmachen würden, weil sie mit den unaufhörlichen Vibrationen zum Anzeigen neuer Nachrichten nicht einschlafen können. Das war allerdings die deutliche Minderheit, die meisten haben sich an das ständige Klingeln gewöhnt und sind abends lange mit ihren Handys beschäftigt, um ‚Zeit mit ihren Freunden zu verbringen‘, wie sie denken. Dabei handelt es sich hierbei lediglich um den virtuellen Austausch von Daten, welchen nie die Vielschichtigkeit eines echten Gespräches zwischen zwei oder mehreren Menschen erfüllen oder wiedergeben kann. Des Weiteren wurde im Fragebogen die Frage gestellt, wie oft die Probanden auf ihr Smartphone sehen, wenn sie mit anderen unterwegs sind. Vielen der Befragten ist die Zeit, die sie mit anderen verbringen, wichtiger. Zu beachten ist hier aber wieder, dass es sich um die 10 Probanden handelt, welche sich zu einer ganzen Woche ohne Smartphone freiwillig bereitgestellt haben. In Gesprächen mit anderen wird – egal ob durch Metakommunikation oder durch die akute Situation – immer wieder das Gegenteil bewiesen. Sitzt man in öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bus oder Bahn sieht man mindestens zwei oder drei Leute in der Umgebung, die WhatsApp Nachrichten versenden oder auf Facebook die neuesten Kommentare & Aktivitäten ihrer sogenannten Freunde lesen. Im Grunde sehen wir immer auf diese kleinen Allroundkünstler, wenn wir nichts Besseres zu tun haben. „Wie viele Ideen sind einmal in den Momenten der Langenweile entstanden, die heute ein Smartphone zerstreut?“[6] Früher war dies der Zeitpunkt für ausschweifende Gedanken oder der Beginn eines Gesprächs, aus dem vielleicht später eine Bekanntschaft geworden wäre. Heute ist das anders. Man lernt sich auf Internetplattformen kennen, obwohl um einen herum so viele andere, reale Individuen sind. Trotz alledem können so viele ihre Finger und Augen nicht mehr vom Smartphone abwenden, und wenn doch, dann nur für einen kurzen Zeitraum.

Die Nachteile des Smartphones sind vielen der Probanden weitestgehend bewusst. Es kamen einige interessante Ideen.  Die Hälfte erklärte, dass ihr kleiner Helfer schnell zu einem Suchtgegenstand werden kann. Weiterhin haben von den zehn Befragten drei bemerkt, dass man sich schnell von den kleinen Wundermaschinen ablenken lässt und zwei, dass die Sicherheit ihrer Daten eher fragwürdig ist. Vereinzelt kamen Ideen des gesteigerten Gruppenzwangs oder der möglichen Kostenfalle durch versteckte Verträge oder zu downloadende Apps. Als recht aufschlussreich empfand ich, dass ein Proband gar keine negativen Seiten am intelligenten Handy finden konnte. Ein anderer interessanter Kommentar war, dass ein Nachteil von Smartphones wohl in der immer mehr zurückgehenden Orientierungsfähigkeit liegt: „Viele Menschen werden regelrecht süchtig nach Spielen und Dingen wie Facebook usw. Sie legen das Handy kaum mehr aus der Hand. Auch verlernen manche Menschen sich selbst zu orientieren und schalten ohne nachzudenken bei jedem Schritt das Navi ein.“, so ein Teil der Antwort eines Probanden. Trotz all dieser unvorteilhaften Seiten eines Smartphones, ändern nur die wenigsten tatsächlich ihr Verhalten oder die Nutzung von unsicheren Applikationen wie WhatsApp. Alrun Berger spricht bei diesen Phänomen treffend von einer „Sogwirkung“[7], der man nicht wirklich entkommen kann, sobald man einmal mit der Nutzung von zum Beispiel Smartphones begonnen hat.

2.3 Verlust oder Gewinn? – Leben ohne Smartphone

In meinem Experiment habe ich mich nicht nur auf die Entzugserscheinung und die Nachteile von Smartphones beschränkt, sondern gleichzeitig Menschen mit einem einfachen Handy befragt, wie sie ohne dieses neue Modestück zurecht kommen. Dafür habe ich ihnen sechs Fragen gestellt, zu denen ich eine ausführlichere Antwort erwartet habe, um ein möglichst genaues Bild ihrer Sichtweise erlangen zu können. (Fragen siehe Anhang) Drei von den fünf Befragten berichteten, dass sie aus Überzeugung auf ein Smartphone verzichten. Die anderen sagten aus, dass sie nie in die Verlegenheit gekommen sind, sich eines zu kaufen, allein schon wegen der erhöhten Kosten, welche im Allgemeinen recht selten angesprochen werden, und dass, obwohl ein Smartphone den Geldbeutel nicht gerade schont. Dabei sind einige auch der Ansicht, dass sie ein multifunktionales Handy einfach nicht benötigen. Sie nutzen ihr Handy lediglich, um SMS zu versenden oder zu telefonieren. Einige haben auf ihrem Handy genau wie Smartphonebesitzer Facebook installiert, gaben dessen Nutzung aber erst in zweiter Instanz an. Andere verwenden das Handy weiterhin zur Photographie oder um Musik zu hören, denn ein Medienordner ist auch auf den meisten Handys installiert. Außerdem wurden Erinnerungsanwendungen, Notizfunktion und das Handy als Wecker und Uhr als Zweckdienlichkeit genannt. Was gar nicht genannt wurde, war die Nutzung von Spieleanwendungen. Dies hat mich ein wenig verwundert, da ich dessen Nutzung auch bei normalen Handys erwartet hatte. Aber es scheint, dass sich die Leute, die heute noch ein Handy besitzen, bewusst dafür entschieden haben und dass ihnen die Anwendung von Spielen nicht viel bedeutet. Wer spielt, braucht oftmals schnelles Internet oder allgemein eine hohe Geschwindigkeit, und mit dieser werben die Hersteller moderner Smartphones bis heute. Durch genannte Faktoren ist es nicht verwunderlich, dass Handybesitzer in Gegenwart von Bekannten und Freunden nur sehr selten auf ihr Handy sehen. Außer einer SMS kann man dort ja nicht viel ansehen oder lesen, zumal auch nur einer von den fünf Befragen einen Vertrag abgeschlossen hat, was bedeutet, dass SMS finanziell bedingt sind, weshalb man noch einmal weniger in die Verlegenheit kommt, eine Nachricht zu versenden.

Der meistgenannte Nachteil an einem Alltag ohne Smartphone war im Kurzinterview die fehlende Flexibilität. „Das Smartphone ist wie ein kleiner Computer und Computer haben eben ihre Vorzüge, z.B. dass man unterwegs nach Bahnverbindungen suchen oder seine Mails checken kann, das kann man immer gebrauchen.“, so eine Antwort auf die Frage nach den Schattenseiten eines einfachen Handys. Allerdings kam auch hier die Aussage eines Befragten, dass er keine Nachteile an einem Leben ohne Smartphone finden kann. Es fehlt ihm an nichts. Hier wird deutlich die unterschiedliche Wahrnehmung der Umstände erkennbar. Allgemein haben alle fünf interviewten bestätigt, dass sie sehr zufrieden damit seien, kein Smartphone zu haben. Dabei fiel zweimal das Stichwort „intensiver Leben“. Man bekommt einfach mehr von seiner Umgebung mit. Von dem, was tatsächlich real passiert und nicht auf einem kleinen Display dargestellt wird. Außerdem wurde der Ansatz gegeben, dass man ohne Smartphone noch gefordert wird, selber nachzudenken. Diese Anmerkung fand ich sehr interessant und fand, dass man das vielleicht mehr verinnerlichen sollte. Doch genau damit wird ja von den Herstellern geworben. Eine paradoxe Entwicklung.

3 Smartphones als Beziehungskiller

3.1  Gewonnene Zeit – verlorene Zeit

Betreiber moderner Medien werben damit, dass es kein Problem ist, vergessene Tätigkeiten später nachzuholen. Es wird gezeigt, wie man bei Regen von der U-Bahn aus seine offenen Fenster zu Hause schließen kann. Es werden gutaussehende Männer und Frauen am Strand gezeigt, die ihre Arbeit in traumhafter Umgebung machen können. Das alles mit Hilfe von Smartphones. Sie sind überall verfügbar und können nahezu alles. Sie sind lange nicht mehr nur einfache Telefone zur Kommunikation. (siehe 1.2 Definition Smartphone) Durch diese ständige Verfügbarkeit verändert sich der Begriff der Geschwindigkeit drastisch. Paul Virilio (*1932, Paris[8]) hat in seiner Dromologie diese Änderung erklärt. Dabei unterteilt er in 3 große Revolutionen:

„Die Revolution des Transportwesens vollzog sich im Grunde mit der industriellen Revolution. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Geschwindigkeit des Menschen laut Virilio völlig natürlich. Denn ganz egal, ob er ritt oder segelte, nie war er schneller als sein eigener Körper, der eines Tieres oder Naturkräfte es gestatteten. [….] Die Industrialisierung brachte Maschinen hervor, die imstande waren, selbst Geschwindigkeit zu erzeugen, womit nunmehr die Möglichkeit zur genauen Geschwindigkeitskontrolle gegeben war. [….] Erst mit der Revolution der elektronischen Übertragungstechniken im vergangenen Jahrhundert haben wir uns mit der Entwicklung von Funk und Elektronik der absoluten Geschwindigkeit, die elektromagnetische Wellen imstande sind, angenähert.“[9]

Diese absolute Geschwindigkeit haben wir heute (nahezu) erreicht. Wir nutzen die Zeit nicht mehr für die Erledigung einer Tätigkeit, wir nutzen die Zeit fürs Multitasking. Tatsächlich ist es die entscheidende Fähigkeit geworden, mehrere Dinge auf einmal zu tun. Wir stehen nicht mehr einfach in Warteschlangen, wir nutzen die Zeit, um unsere Nachrichten zu lesen oder auf Google Maps zu nachzusehen, wo man das nächstbeste Café finden kann.[10] Man ist heute immer bemüht, seine Zeit so effizient wie nur irgendwie möglich zu nutzen. Deshalb machen wir einfach mehrere Dinge auf einmal, um die große Menge an Erledigungen, die von uns erwartet werden, erfüllen zu können. „Multitasking fühlt sich gut an, denn der Körper schüttet dabei chemische Substanzen aus, die ein Multitasking‚Hoch‘ erzeugen.“[11] Dieses Hoch ist dabei aber völlig irreführend, denn je mehr Tätigkeiten man zeitgleich ausführt, desto oberflächlicher werden diese. Es erspart also unterm Strich keine Zeit, sondern macht noch mehr Arbeit, wenn man unordentlich verrichtete Werke aufarbeiten oder berichtigen muss.

3.2 Smartphones in Partnerschaften

Im ersten Moment scheinen Smartphones nichts mit Beziehungen zu tun zu haben. Doch allen ist klar, dass das Smartphone & dessen Nutzung einen großen Teil des Alltags ausmachen. Folglich sind sie auch indirekt bei Partnerschaften zu beachten. Und obwohl nur sehr wenige allein auf den Gedanken kommen, dass viele Beziehungen heute – zumindest teilweise - aufgrund von Smartphones zerbrechen oder nicht mehr den nötigen Halt geben können, den sie noch vor ein paar Jahren gegeben haben, kann man nicht ignorieren, dass es tatsächlich einige Veränderungen zu beachten gibt:

„Nehmen wir das Beispiel Ehe. Ein Mann und eine Frau sind seit zehn Jahren glücklich verheiratet. Beide arbeiten von früh bis spät und verbringen abends oder an Wochenenden etwas Zeit miteinander. Nun schiebt sich das Smartphone dazwischen - man muss nicht mehr miteinander sprechen um sich auszutauschen. Die Lebenspartner schreiben sich all das, was sie sonst während ihrer gemeinsamen Stunden besprochen haben und es wird unpersönlich.
Sehen sich die beiden nun wieder, gibt es kaum noch etwas, worüber sie sprechen könnten, sie werden für einander uninteressant und die Ehe beginnt zu bröckeln.“[12]

Einige könnten dies nun als übertriebene Abfertigung von Smartphones betrachten, doch es ist ein wahrer Kern zu finden. Tatsächlich wurde zufällig herausgefunden, dass 25 Prozent der Teilnehmer an einer nicht repräsentativen Studie eifersüchtig auf das Smartphone des Partners seien, bei unter 30-Jährigen sogar 40 Prozent. Dies fand eine Umfrage eines Energieversorgers heraus.[13] Ziel dieser Umfrage waren eigentlich nur Aufladekosten eines Smartphones, weshalb auch nicht hervor ging, wie viele Paare sich aufgrund der annähernden Handysucht bereits getrennt haben. Doch aus Untersuchungen bezüglich der Krankheit Nomophobie (siehe 1.4) wurde festgestellt, dass jeder dritte Smartphonenutzer bereit ist, einen Anruf beim Sex entgegen zu nehmen, jeder zweite würde dasselbe bei der eigenen Hochzeit machen.[14] Hier ist sehr deutlich dargestellt, welchen hohen Stellenwert dieses intelligente Handy angenommen hat. Selbst in den intimsten Momenten zwischen zwei Liebenden wird das Smartphone nicht außer Acht gelassen. Es ist allgegenwärtig und nicht mehr aus den Köpfen und Händen ihrer Besitzer zu denken. Wir sehen also heutzutage eher auf das Display des Handys als in die Augen des Menschen, den wir lieben. Noch vor ein paar Jahren war die Zeit, die man mit dem Partner verbrachte etwas Besonderes. Man wollte jeden Moment, den man hatte, genießen, besonders, wenn man sich nicht jeden Tag gesehen hat. Heute ist ein oftmals großer Teil der gemeinsamen Zeit damit verbracht, Bilder und Videos zu zeigen, WhatsApp Chats nach bestimmten Dialogen zu durchsuchen oder gar nebenher seine Nachrichten von Facebook Messenger zu lesen. Man kann es einfach nicht mehr ertragen, etwas womöglich zu spät zu erfahren. Das muss eine Beziehung heutzutage überstehen. Aber das scheint ja gar kein Problem zu sein, da man ja via diverser ‚sozialer‘ Netzwerke in Dauerkontakt steht. Dass man dabei aber oft schreibt, ohne was auszusagen, weil man ja gar nicht zu jeder Zeit den Kopf für ein tiefergehendes Gespräch frei hat, fällt nur wenigen auf.

3.3 Global betrachtet

Wie bereits in 3.1 erwähnt, geht unser Leben auffällig schneller an uns vorbei. Doch manchmal kann dies auch sehr vorteilhaft sein. Ist ein nahestehender Freund längere Zeit im Ausland, hätte man früher für diesen Zeitraum keinen Kontakt zueinander gehabt, außer einen kurzen Anruf, einen Brief oder eine Ansichtskarte. Kommunikation wäre hier in Tagesgeschwindigkeit verlaufen. Heute kann man hingegen blitzschnell über das mobile Internet in Verbindung bleiben. Man weiß, was der andere macht, man fühlt sich, als wäre er nicht wirklich weit weg, als wäre der andere nur eben bei sich zu Hause, nicht aber ganz wo anders, womöglich noch in einem anderen Land. Nein, die Lokalität ist völlig gleich geworden, wichtig ist nur noch die W-LAN Verbindung, auf die viele heute extrem angewiesen sind, um sich sicher und wohl zu fühlen.  Aber da diese zum Glück fast überall gegeben ist, wenn man sich an bevölkerungsdichten Orten aufhält, kann man mit so vielen verschiedenen Menschen in Verbindung bleiben. Solchen, die einem sehr nahe stehen, solchen, die man auf der letzten Party erst kennengelernt hat und natürlich solchen, die man sonst aus den Augen verlieren würde. Doch dann passiert es auch schnell, dass man auf diesen Partys, auf denen man neue Leute kennenlernen kann, plötzlich auch sein Smartphone in der Hand hält. Dann stellt man für die Zeit, in der man Nachrichten liest und versendet seine Umgebung automatisch auf Pause und erwartet, dass man mit einem grade geführten Gespräch wartet und es fortführt, sobald die Nachrichten versendet wurden. Passiert das öfter, sitzt man irgendwann nur noch zusammen und jeder starrt für sich auf sein Handy. An diesem Punkt angekommen, ist man nun „gemeinsam einsam“[15] und interessiert sich mehr für diese kleinen Maschinen als für die Person, die einem gegenüber sitzt. Auch allgemein schreiben wir Maschinen und Robotern immer mehr Relevanz zu:

Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass wir Roboter aufwerten, indem wir sie als ‚lebendig genug‘ für uns betrachten. Wenn wir uns hingegen im Netz gerade noch ‚lebendig genug‘ fühlen, um als ‚Beschleunigungsmaschinen‘ für E-Mails und Kurznachrichten zu fungieren, werten wir uns selbst ab. Das ist eine beängstigende Spiegelung.“[16]

An dieser Stelle möchte ich gern noch mal die Aussage eines von mir Befragten anführen, welcher sich zu einem Leben ohne Smartphone positioniert hat. Er stellte die Frage, inwieweit sich Menschen, die den ganzen Tag nur an ihren Smartphones hängen, überhaupt noch von Maschinen unterscheiden –vom Stoffwechsel abgesehen natürlich.

4 Persönliche Stellungnahme

Zu Beginn der Durchführung des Experiments war ich erstaunt, doch so verhältnismäßig viele Probanden gefunden zu haben. 15 Personen, die entweder eine Woche oder jederzeit ohne Smartphone zurechtkommen. In der heutigen Welt ist dies keine Selbstverständlichkeit. Das ist mir vorrangig aufgefallen, als ich nach Material recherchiert habe. Denn dies zu finden, stellte sich als sehr schwierig heraus. Selbst heute noch bekommt man, wenn man Smartphone und Kritik zusammen in der Suchmaschine Google eingibt, nur Vergleiche verschiedener Smartphones und deren Hersteller.[17] Es gibt nur vereinzelt einige Menschen, die Smartphones überhaupt mit zwischenmenschlichen Beziehungen in Zusammenhang bringen. Allgemein bin ich der Überzeugung, dass man diese Thematik ernster nehmen und möglicherweise sogar eigene Maßnahmen diesbezüglich einleiten sollte. Doch das gestaltet sich in der Tat recht schwierig. Zum einen ist da diese tatsächlich schwer überwindbare Sogwirkung, die von sozialen Netzwerken ausgehen, welche ja nun mal in Smartphones sehr oft genutzt werden. Außerdem kommt dann noch die Gruppendynamik dazu:

Wenn alle ein Smartphone haben und immer über WhatsApp in Verbindung sind, warum soll ich dann nicht auch eines haben? So vereinfache ich mir vieles. Wenn ich in der Schule vergessen habe, meine Mitschülerin etwas zu wichtiges fragen und heute Abend erst zu spät nach Hause komme um noch den Computer anzumachen, wäre es doch praktisch, wenn ich sie unterwegs schnell fragen könnte  – und das zum Glück sogar kostenlos. Außerdem hat man alle Informationen immer parat, man muss nur eine Internetverbindung haben. Und wenn ich mir die App runterlade, kann ich auch endlich „Candy Crush Saga“ spielen, was ich auf dem Smartphone meiner Freundin so gern spiele. Dann wird mir auch nicht so schnell langweilig, wenn ich mal in den Freistunden oder bei meiner Oma nicht weiß, was ich machen soll. Ich habe mit einem Smartphone so viele Möglichkeiten!

So oder so ähnlich könnte der Gedankengang eines jungen Menschen sein. Und dem ist auch nichts vorzuwerfen. Es sind logische Ideen, auf die jeder kommen kann. Nur wenige haben schon vorher den Einfall, dass es sich negativ auswirken kann, wenn uns so vieles abgenommen wird und man über nichts mehr selber nachdenken muss. Im ersten Moment scheint das alles ein unglaublicher und toller Fortschritt zu sein. Doch genau das ist es nicht. Wir werden abhängig und sind schnell nicht mehr in der Lage, gut ohne diesen Alleskönner auszukommen. Das Problem ist, dass viele Menschen diese Zukunftsvisionen nicht sehen und wenn sie es doch verstehen, distanzieren sie sich oft davon und meinen, selbst nicht davon betroffen zu sein. Sie sehen es bei anderen, nicht aber bei sich selbst.

Dem Argument, immer in Verbindung zu stehen, kann ich auch nur teilweise zustimmen. Natürlich kann man jederzeit miteinander schreiben und sich verbinden. Doch mir stellt sich dabei die Frage, ob wir tatsächlich verbunden sind. „ Aus irgendeinem Grund fühle ich mich verpflichtet, bei unseren heiter-oberflächlichen Gesprächen immer nett zu klingen und die Dinge schnell auf den Punkt zu bringen.“[18] Man ‚unterhält‘ sich oft einfach viel weiter an der  Oberfläche, spricht selten über das, was tatsächlich in einem vorgeht. Man füllt seine Nachrichten mit einer Vielzahl an Informationen oder mit einer Menge voll ‚gar nichts‘. Aber wie erklärt man denn digital, was in einem vorgeht? Man kann sich vielleicht über Skype sehen, aber man kann keinen Blickkontakt aufbauen. Man kann Smiley und Emotions versenden, aber man kann den Gesprächspartner nicht berühren. Genauso unmöglich ist auch das gemeinsame Schweigen. Zwischen zwei nahestehenden Menschen kann das stille Beisammensein sehr angenehm sein, digital ist dies allerdings nicht umsetzbar. Diese verschiedenen Gesichtspunkte zusammengesetzt ergeben ein Bild, welches eine Beziehung immer unpersönlicher werden lässt. Doch man ist weniger angreifbar, wenn man sich auf unpersönlicherer Ebene begegnet. Man ist sicher, kann sich in geschützter Umgebung wiegen. Aber Sicherheit bringt uns nicht weiter und lässt uns nicht lernen. Darum habe ich mich gegen ein Smartphone entschieden. Um meine Umgebung noch rein wahrnehmen zu können, ohne mir von einem kleinen 5 Zoll Bildschirm eine fiktive Welt vorspielen zu lassen.

„In welcher Welt wollen wir leben
– und uns verlieben?“[19]

Ich habe mich für die reale Welt entschieden.



[1] Katie Kacvinski, Maddie Freeman, Seite 11

[2] http://www.itwissen.info/definition/lexikon/Handy-cellphone.html

[3] http://www.itwissen.info/definition/lexikon/Bildschirm-display.html

[4] http://www.itwissen.info/definition/lexikon/Apps.html

[5] http://www.wissen.de/krankheit-nomophobie

[6] Nachzulesen auf https://twitter.com/Ka_Punkt, vom 2.Dezember

[7] Alrun Berger, Smartphone, also bin ich?, Seite 14

[8] Alrun Berger, Smartphone, also bin ich? Seite 4

[9] Alrun Berger, Smartphone, also bin ich?, Seite 6-7

[10] Vgl. Sherry Turkle, Verloren unter 100 Freunden, Seite 280

[11] ebenda, Seite 280

[12] http://didyouknow.myblog.de/

[13] Haldensleber Volkstimme, Ich oder dein Handy, Seite 1

[14] http://www.wissen.de/krankheit-nomophobie

[15] http://www.randomhouse.de/Buch/Verloren-unter-100-Freunden-Wie-wir-in-der-digitalen-Welt-seelisch-verkuemmern/Sherry-Turkle/e388948.rhd

[16] Sherry Turkle, Verloren unter 100 Freunden, Seite 290

[17] vgl. Alrun Berger, Smartphone, also bin ich?, Seite 15

[18] Sherry Turkle, Verloren unter 100 Freunden, Seite 497

[19] Katie Kacvinsky, Maddie Freeman, Buchcover